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Theorie der Ungleichheit – die Ideologie der Neuen Rechten

Autor_in: 
Natascha Strobl

Die Neue Rechte propagiert in modernisierter und anschlussfähiger Art und Weise eine Ideologie der Ungleichheit und schließt damit selbst an die „Konservative Revolution“ der Weimarer Republik an. Anstatt mit „Rasse“ wird kulturell argumentiert und eine Distanzierung zur Parteipolitik versucht, die so nicht haltbar ist.

Die Neue Rechte ist ein Phänomen, das schon seit den 1970ern bekannt ist. Was unter dem Terminus zu verstehen ist, hat sich immer wieder verändert. In den 70ern wurden vor allem nationalrevolutionäre Gruppen, die sich als Antwort auf die 68er gebildet hatten, darunter zusammengefasst. Auch rechtsextreme Parteien eines neuen Typs, vor allem die Republikaner, wurden als Neue Rechte bezeichnet. Schlussendlich ist die Bezeichnung aber auf die Nouvelle Droite und ähnlich gelagerte, etatistische Gruppierungen übergegangen. In einer engen Definition ist dieses Konglomerat an Netzwerken, Gruppierungen und Einzelpersonen die Neue Rechte. Es gibt aber keine allgemeingültige Definition. Je nach Ansatz werden auch Parteien als solche bezeichnet oder überhaupt jede Form von (semi)modernisierten rechtsextremen Ansätzen. Dabei ist aber auch die Verortung der Neuen Rechten im Rechtsextremismus strittig. Wolfgang Gessenharter spricht von einer „Scharnierfunktion“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus. Die Neue Rechte sei ein eigenständiges Spektrum, aber eng mit den beiden anderen verbunden. Ähnlich sehen das Helmut Fröchling und Suzanne Mantino, die von einem „Brückenspektrum“ bzw. einer „Grauzone“ ausgehen. Armin Pfahl-Traughber hingegen sieht die Neue Rechte vollständig im Rechtsextremismus verhaftet und als „Variante“ dessen. In jedem Fall bemüht sie sich aber um eine Erosion der Grenzen von Konservatismus und Rechtsextremismus, um so tief in das konservative Lager hinein zu wirken.

Konservative Revolution 2.0

Diese Allianz ist weder neu noch überraschend. Das Vorbild der Neuen Rechten ist die sogenannte Konservative Revolution der Weimarer Republik. Sie bezeichnet ein loses Netzwerk von antiegalitären und antidemokratischen, jedoch nicht reaktionären Intellektuellen, die teils beabsichtigt, teils unbeabsichtigt den Weg für den Nationalsozialismus ideologisch bereitet haben. Dazu zählen Leute wie Oswald Spengler und Ernst Jünger, die dem Nationalsozialismus negativ gegenüberstanden, aber auch etwa Carl Schmitt, der Karriere machte und als „Kronjurist“ Hitlers galt. Sie gehörten trotz ihrer Differenzen zum selben Lager wie der Nationalsozialismus, auch wenn sie mit bestimmten Ausformungen (vor allem mit der Massenbewegung und den derben Parolen) nicht einverstanden waren.

Kulturrassismus

Pfahl-Traughber definiert die Neue Rechte als Fortführung der Konservativen Revolution nach dem 2. Weltkrieg. Sie versuche sich vom alten Rechtsextremismus abzuheben, indem sie nicht in die dumpfen und biologistischen Argumentationsmuster des Nationalsozialismus zurückfalle. Dazu gehört, eben nicht mehr mit „Rasse“, sondern mit „Kultur“ zu argumentieren. In der heutigen Zeit wird eine vermeintlich abendländische, europäische beschworen, die gegen eine vermeintlich muslimische steht. Dabei wird von einer tiefen Ungleichheit ausgegangen, die zwar nicht mehr offen biologistisch argumentiert, aber gemeint ist. Diese Ungleichheit bezieht sich jedoch nicht „nur“ auf Kultur, sondern ist die Grundprämisse der gesamten Ideologie. Dies betrifft Geschlechterverhältnisse ebenso wie Klasse oder Stand. Das ist nicht neu, das ist genauso im Weltbild des alten Rechtsextremismus sowie des Konservatismus zu finden. Neu ist, dass nicht per se von einer Minderwertigkeit ausgegangen wird. Dem alten imperialistischen Reflex wird das Konzept des Ethnopluralismus entgegengestellt. Der Grundgedanke ist eine Art weltweite Apartheid, in der alle Menschen in ihrer Geburtsregion leben, mit der sie ein gedachtes metaphysisches Band verbindet. Dieses Konzept wendet sich gegen Multikulturalismus oder jegliches egalitäres Konzept des Zusammenlebens. Kultur wird als etwas erfasst, das die Identität des_der Einzelnen bestimmt. Dieses nominalistische Weltbild führt dazu, dass dem Individuum kein Wert an sich beigemessen wird, sondern dass es Rechte nur über ein Kollektiv erlangen kann. Dementsprechend sind die Menschenrechte eines der größten Feindbilder der Neuen Rechten.

Meta- und Parteipolitik

In der engen Definition der Neuen Rechten, zu denen danach etwa in Deutschland die Junge Freiheit (JF) oder Die blaue Narzisse und in Frankreich Groupment de recherche et d‘études pour la civilisation européenne (GRECE) zählen, ist Metapolitik anstelle von Parteipolitik das Hauptbetätigungsfeld. Das bedeutet, dass sie sich nicht tagespolitischen Fragen, sondern prinzipiellen, großen Fragen widmen. In der Praxis verlaufen die verschiedenen Ansätze nicht ganz so trennscharf. So arbeitet GRECE eng mit dem Front National zusammen und die Österreich-Ausgabe der JF Zur Zeit wird von Andreas Mölzer, Chefideologe der FPÖ, geleitet. Zudem werden viele Themen und Konzepte der Neuen Rechten von rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien in vereinfachter und popularisierter Form wiedergegeben. Diese Themenübernahme zeigt sich zum Beispiel in der Agitation gegen Political Correctness, die als „Zensur“ bezeichnet wird. Dies gipfelte nicht zuletzt in der Bildzeitungs-Schlagzeile „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“, um Thilo Sarrazin zu verteidigen.
Das Moment der Ungleichheit bleibt aber das bestimmende Element der Ideologie der Neuen Rechten und macht sie ob ihrer modernisierten Aspekte für ein breites Spektrum anschlussfähig.