Sie sind hier

Rosi Wolfstein

Autor_in: 
Riccardo Altieri

Eine vergessene ‚Ehefrau‘ der deutschen Sozialismusgeschichte

Fast jede*r kennt Rosa Luxemburg und ihre Kampfgefährtin Clara Zetkin. Doch wer war Rosi Wolfstein? Sie stand Luxemburg als Schülerin nicht nur besonders nahe, sondern es war auch ihr Verdienst als preußische Landtagsabgeordnete, dass der unaufgeklärte Mord an Luxemburg in den 1920er-Jahren beständig Thema blieb. Wieso ist sie heute vergessen?

Fast 100 Jahre wurde Rosi Wolfstein alt. Seit ihrem frühen Erwachsenenalter setzte sie sich kontinuierlich für Arbeiter*innen, Arbeitslose und Angehörige diverser Minderheiten ein. Zunächst war sie SPD-Mitglied, bis die Partei im Kontext des Ersten Weltkriegs ihre Konturen verlor und sich dem ‚Burgfriedenslager‘ anschloss. Millionen Arbeiter*innen undandere Bürger*innenverlorenihr Lebenineinem sinnlosen Krieg, weshalb Rosi Wolfstein von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) in die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) und zum Spartakusbund übertrat. Letztlich war sie zum Jahreswechsel 1918/19 Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und damit eine Persönlichkeit der Geschichte, der rund 100 Jahre nach diesen Ereignissen im Besonderen gedacht werden soll – gerade im Hinblick darauf, dass sie als ‚Ehefrau‘ oft hinter ihren Gefährten Paul Frölich zurücktreten musste.

Erstes politisches Engagement
Alma Rosalie Wolfstein wurde am 27. Mai 1888 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Witten an der Ruhr geboren. Das Elternhaus war politisch und religiös liberal, aber kaisertreu.1 Nach dem finanziellen Ruin und Selbstmord ihres Vaters Samuel musste Rosi mithelfen, das Einkommen für sich, ihre Mutter Klara und ihre Geschwister Berta, Wilhelmine und Paul zu verdienen.2 1905 fand sie nach ihrer Lehre zur Kauffrau einen ersten Arbeitsplatz in einer Fabrik, wo sie allerdings schon bald wieder kündigte, nachdem sie einen Streit des Chefs mit Vorarbeitern belauscht hatte. Dabei war es um einige Pfennige Lohnerhöhung gegangen, was Ersterer zornerfüllt abgelehnt hatte. Fortan arbeitete sie als Kindermädchen in einer bürgerlichen Familie, die den Ideen der Sozialdemokratie zugeneigt war – etwas, das Rosi Wolfstein von zuhause nicht kannte.3
1908 wurde sie unter dem Eindruck illegaler Kinderarbeit und rechtloser Frauen, die bei Demonstrationen für Gleichberechtigung kämpften, Mitglied der SPD.4 Zwei Jahre darauf lernte sie ihre spätere Freundin Rosa Luxemburg kennen.5  Nachdem sie 1912 bei insgesamt 35 Wahlkampfveranstaltungen für die SPD geworben hatte und in Berlin sogar gemeinsam mit Rosa Luxemburg den Abschlusswahlkampf bestritten hatte, verschaffte ihr die einflussreiche Freundin einen Platz in der Parteischule.6

Der Erste Weltkrieg als Wegweiser nach links
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs und dermaßlosen Enttäuschung über den SPD-Vorstand wandte sich Wolfstein der innerparteilichen Opposition um Karl Liebknecht zu und ging mit ihm zu USPD und Spartakusbund. Der Tod ihres Bruders Paul Wolfstein an einer der Fronten des Ersten Weltkriegs mag diese Entscheidung begünstigt haben.7 Insgesamt dreimal wurde Rosi Wolfstein während der Kriegsjahre aufgrund ihrer antimilitaristischen Haltung  für mehrere Monate inhaftiert.8 Nach Kriegsende gehörte sie auf dem Gründungsparteitag der KPD dem Podium als Schriftführerin an und stellte sich inhaltlich gegen ihre alte Freundin Rosa Luxemburg, die weder den Namen der Partei noch die Positionierung zur Nationalversammlung unterstützte – sich aber letztlich der Mehrheit fügte. Einer der Wortführer dieser Mehrheit war Paul Frölich.9 Nach der Ermordung Rosa Luxemburgs 1919 war Paul Frölich für die Herausgabe ihrer gesammelten Werke zuständig.10 Rosi Wolfstein lektorierte und beriet ihn inhaltlich. Diese Tätigkeit im Hintergrund des Entstehungsprozesses, die später lediglich zu einer Erwähnung im Impressum führte, war der Moment, als die ‚Frau‘ in puncto Sichtbarkeit hinter den
‚Mann‘ zurücktrat.

Frauenpower in der Weimarer Republik
Von 1921 bis 1924 war Wolfstein Mitglied des preußischen Landtags. Dort überzogen Männer aller politischen Couleur, besonders aber der Rechten,  sie mit chauvinistischen und respektlosen Beleidigungen:  „Blamier‘  dich  nicht,  mein  liebes  Kind“,  „Walküre“ und „blutige Rosi! […], nicht so giftig!“, sind nur drei illustre Beispiele. Die damals 33-Jährige antwortete den Herrschaften mit fast schon humorvoller Gelassenheit: „Ich habe die Hoffnung, daß die Stenographen alle Ihre geistvollen Zurufe in das Protokoll aufnehmen, damit diese Kulturkuriosa des deutschen Geistes auch erhalten bleiben.“11
Ende 1928 verließen Rosi Wolfstein und Paul Frölich aufgrund der Stalinisierung die KPD, gingen in die KPD-Opposition und von dort 1931 in die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Dort übernahmen sie eine Führungsrolle.12

Flucht und Vertreibung
Die Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933 schloss ein Kapitel in der deutschen Geschichte für Rosi Wolfstein ab. Während ihr Partner Paul Frölich auf der Überfahrt nach Norwegen von den Nazis verhaftet und später in ein Konzentrationslager gebracht wurde, konnte sie zu Fuß über die ‚grüne Grenze‘ flüchten. Von Aachen gelangte sie so nach Belgien.13 Dort war sie am Aufbau der Auslandsgruppen der SAPD beteiligt, deren Zentrale zunächst in Prag, später in Paris angesiedelt war.14 Unter dem Decknamen ‚Marta Koch‘ kommunizierte sie mit Jacob und Herta Walcher, Boris Goldenberg, Fritz Lamm, Josef und Erna Lang, Hermann und Käte Duncker, Willy Brandt und nach dessen Befreiung auch mit Paul Frölich, der den Decknamen ‚Karl Franz‘ verwendete.15
Nachdem die Nazis den Zweiten Weltkrieg begonnen hatten, wurden Deutsche in Frankreich interniert – ganz gleich, ob sie Freunde oder Feinde  des NS-Regimes waren. Rosi Wolfstein kam letztlich ebenso wieder aus der Haft frei wie ihr Partner Paul Frölich. Ihre Schwestern, die in Deutschland geblieben waren, wurden in Auschwitz und Łódź ermordet. 1941 gelang Wolfstein und Frölich die Emigration in die USA. Bis 1950 lebten sie nun in New York, wo sie 1948 schließlich heirateten. Rosi Wolfstein war zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt.16 In den USA musste sie sich von linker Politik fernhalten; nicht nur aufgrund des amerikanischen Antikommunismus, dem auch Ex-Kommunist*innen zum Opfer fielen, sondern schlicht wegen ihrer Arbeit als Nanny. So finanzierte sie die Forschungstätigkeit des Mannes.17

Immer links geblieben
1951 kehrten beide nach Deutschland zurück, konkret nach Frankfurt am Main.18 Sie traten ein zweites Mal der SPD bei. 1953 starb Paul Frölich. Rosi Wolfstein blieb den Rest ihres Lebens alleinstehend, hatte keine Kinder. Sie unterstützte die Arbeiterwohlfahrt (AWO), Amnesty International und war beteiligt am Aufbau der Industriegewerkschaft Druck und Papier. Zu ihrem 95. Geburtstag organisierte Max Diamant (ebenfalls Frankfurter SPD) eine große Feierlichkeit, um ihr Lebenswerk zu würdigen.19 Am 11. Dezember 1987 starb Rosi Wolfstein wenige Monate vor ihrem
100. Geburtstag.

 

1 Ahland, Frank: Rosi Wolfstein in Witten. Witten 2007, S. 6–8.
2 Luban, Ottokar: Rosi Wolfsteins antimilitaristische Aktivitäten 1916/17. Neue Quellenfunde, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegung 44 (2010), S. 123–133, hier S. 124.
3 Ahland, Rosi Wolfstein, S. 14–16.
4 Weber, Hermann: Rosi Wolfstein: Eine zweite Rosa Luxemburg, in: Ahland, Frank / Dudde, Matthias (Hg.): Wittener Biografische Porträts, Teil 1. Witten 2000, S. 119–124, hier S. 119.
5 Vinschen, Klaus-Dieter: Rosi Wolfstein-Frölich, in: Heid, Ludger /
Paucker, Arnold (Hg.): Juden und deutsche Arbeiterbewegung bis 1933. Soziale Utopie und religiös-kulturelle Traditionen. Tübingen 1992, S. 165–176, hier S. 165.
6 Hedeler, Wladislaw: Vier Bemerkungen zu einem Lebenslauf, in: Ahland, Frank / Brunner, Beate (Hg.): „Sie wollte und konnte nie etwas Halbes tun“: Die Sozialistin Rosi Wolfstein-Frölich 1914 bis 1924, hrsg. v. d. Rosi-Wolfstein-Gesellschaft, Witten 1995, S. 19–21, hier S. 19.
7 Föhl, Thomas: Eintrag zu Paul Wolfstein auf der Website geni.com, bit.ly/2T3x4bd (28.05.2017).
8 Luban, Rosi Wolfstein, S. 124–127. Vgl. ferner Dischereit, Esther: „… eigentlich könnte es doch viel besser und anders sein“, in: Ahland / Brunner (Hg.), Nie etwas Halbes, S. 22–28, hier S. 27.
9 Weber, Hermann (Hg.): Die Gründung der KPD. Protokoll und Materialien des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918/1919. Berlin 1993, S. 152–154. Vgl. ferner Frölich, Paul: Im radikalen Lager. Politische Autobiographie 1890–1921, hg. v. Reiner Tosstorff. Berlin 2013, S. 129.
10 Luxemburg, Rosa: Gesammelte Werke, Bd. VI: Die Akkumulation des Kapitals und die Antikritik, hg. v. Paul Frölich. Berlin 1923; Luxemburg, Rosa: Gesammelte Werke, Bd. III: Gegen den Reformismus, hg. v. Paul Frölich. Berlin 1925; Luxemburg, Rosa: Gesammelte Werke, Bd. IV: Gewerkschaftskampf und Massenstreik, hg. v. Paul Frölich. Berlin 1928. 11 Sitzungsbericht vom
16. Juni 1921, in: Sitzungsberichte des Preußischen Landtags, 1. Wahlperiode (10. März 1921 bis 6. Dezember 1924). Berlin 1922ff., Sp. 1858f.
12 Weber, Hermann / Herbst, Andreas (Hg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Berlin 2018, S. 272, 1044.
13 Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Nachlass Alfhart / S1 / 452, Nr. 8: Eidesstattliche Erklärung Rosi Frölichs, geb. Wolfstein, Frankfurt am Main, 18. März 1955.
14 Zur Geschichte der Partei vgl. ausführlich Drechsler, Hanno: Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung am Ende der Weimarer Republik. Meisenheim/ Glan 1965.
15 Zur Korrespondenz vgl. den umfangreichen Bestand im Berliner Bundesarchiv, SAPMO, RY 13/FC 143/398–407 (ehemals SAP-Archiv in Oslo).
16 Columbia University, Butler Library, New York, Varian Fry Collection I 1D. Vgl. ferner die Sterbeurkunde Paul Frölichs im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, Todesfallanzeigen 1953, No. 437/V.
17 Bundesarchiv Berlin, SAPMO, Nachlass Duncker/NY 4445/250, Brief von Paul Frölich an Käte Duncker, Kew Gardens, 18.7.1943.
18 Dischereit, Esther: Rose Frölich – ein Leben für den Sozialismus, in: Die neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte 35 (1988), S. 157-162, hier S. 162.
19 Vinschen, Rosi Wolfstein, S. 176.