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Prekäre Vermittlungsarbeit und das Schweigen der Gedenkstätte

Autor_in: 
Michael Hollogschwandtner

Interview mit einem Vertreter der Vermittler_innen-Initiative an der Gedenkstätte Mauthausen-Gusen. Das Interview wurde am 13. Oktober in Wien geführt.

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Die Gedenkstätte Mauthausen

Sie war von Beginn ihres Bestehens bis 2016 Teil des Innenministeriums (BMI, Abteilung IV/7, Gedenkstättenwesen und Kriegsgräberfürsorge) und wurde mit 1.1.2017 aus dem Ministerium ausgelagert und in eine Anstalt öffentlichen Rechts des Bundes umgewandelt.(8)

Nichtsdestotrotz besteht personelle Kontinuität an der Spitze: Die Direktorin ist mit Barbara Glück die vormals zuständige Abteilungsleiterin. Die pädagogische Abteilung wird seit 2015 von der ehem. Leiterin der Abteilung für Museumspädagogik am Landesmuseum Kärnten, Gudrun Blohberger, geführt. Vorsitzender des eingerichteten Kuratoriums ist Sektionschef Hermann Feiner (BMI). Die gesetzlich festgelegten Aufgaben der Gedenkstätte Mauthausen sind insbesondere Gedenken an die Opfer des KZ-Systems Mauthausen-Gusen, Forschung und Dokumentation sowie Vermittlungs-und Präventionsarbeit.(9)
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zeitgenossin: Ihr habt euch 2014 als Zusammenschluss von Guides an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen-Gusen gegründet. Weshalb?
Vermittler_innen-Initiative (VI): Dem ist ein Prozess vorausgegangen, der 2013 begonnen hatte. Der Grund war, Druck aufbauen zu können, Transparenz einzufordern und generell die pädagogische Arbeit an der Gedenkstätte mehr in den Fokus zu stellen.

Wie war spürbar, dass die pädagogische Arbeit zu wenig Gewicht an der Gedenkstätte hatte?
VI: In der Art und Weise des Umgangs mit den Vermittler_innen und der pädagogischen  Arbeit. Seit es die Initiative gibt, hat es spürbare Verbesserungen gegeben. Die VI und auch die Vermittler_innen konnten bei Entscheidungsprozessen nicht mehr so leicht übergangen werden. Seit der Gründung der Initiative ist zum Beispiel ein Jour fixe mit der Geschäftsführung etabliert worden. Seitdem gibt es einen Rahmen, in dem pädagogische Anliegen thematisiert werden können. Außerdem: Erst auf unseren Druck hin sind verpflichtende Fortbildungen auch bezahlt worden. Ebenso gibt es mittlerweile Supervision für Vermittler_innen. Es ist immer noch zu wenig, das kann man gleich vorausschicken, aber diese Dinge sind einfach neu entstanden, und  dazu  hat  die VI beigetragen.

Die Arbeit in der Gedenkstätte wird selbstverständlich mitbestimmt von den Arbeitsbedingungen. Du hast etwa Fortbildungen angesprochen. Grundsätzlich seid ihr als freie DienstnehmerInnen angestellt, also prekär beschäftigt?
VI: Ja.

Wie beeinflusst das eure Arbeit?
VI: Nachdem die Leute, die an der Gedenkstätte arbeiten, eine große Gruppe sind, ist das unterschiedlich zu bewerten. Zum einen gibt es Leute, die in der Nähe  wohnen und die in einem normalen Arbeitsverhältnis stehen und die Tätigkeit als Guide nebenbei machen. Für die ist das, denke ich, in Ordnung. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die in mehreren prekären Arbeitsverhältnissen stecken und weit weg wohnen. Die Gedenkstätte ist generell lokal extrem beschissen  angebunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das hat Auswirkungen, weil die Anreise schwierig ist. Da geht einfach viel Zeit drauf. Aber vor allem ist es einfach extrem schwierig, was Planbarkeit betrifft. Es gibt Phasen im Jahr, im Frühjahr vor allem, ab März bis Ende Juni, da ist die Hochzeit. Dann gibt es Phasen, wo wenig los ist, wo die prekär Beschäftigten in die Existenzlosigkeit gedrängt werden. Jetzt, seit der Auslagerung, wird ein Kollektivvertrag verhandelt. Den gibt’s immer noch nicht. Die Verhandlungen sind sehr mühsam. Generell ist es eine sehr fordernde Arbeit.

Was sind die größten Herausforderungen der Arbeit als Guide?
VI: Begleitungen, das ist  wirklich eine anstrengende Arbeit. So ein Rundgang, wenn es zum Beispiel in den Sommermonaten ist, wenn’s extrem heiß ist – man ist geschlaucht. Es ist schon so: An einem Rundgangstag braucht man nichts Anderes mehr machen, man liegt. Das ist die eine Komponente. Dann der Inhalt. Man spricht von Tod und Massenmord und den Dynamiken, die zu diesen Verbrechen geführt haben. Idealerweise versuchen wir in den Rundgängen, Gegenwartsbezüge    herzustellen, also die Verantwortung anzusprechen, die mit dem Thema einhergeht. Nicht einfach Zahlen runterratschen. Das heißt auch, dass man sich wirklich auf die Leute einlassen muss. Die Gruppen sind sehr unterschiedlich, auch mit unterschiedlichen Zugängen. Dass man sich auf die Besucher_inneneinlässt, in einem extrem kurzen Format, ist sehr fordernd. Man kennt die Leute ja nicht, und dann hat man zwei bis maximal vier Stunden Zeit, und redet mit ihnen über Massenmord. Man redet mit ihnen über Massenmord und begleitet sie genau an die Orte, wo das eigentlich passiert ist. Dann versucht man, das ist ein starker Aspekt an den Rundgängen, nicht mehr ausschließlich das Lager selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern die gesellschaftlichen Mechanismen, wie das möglich war. Man muss schauen: Welche Narrative bringen Gruppen mit, und darauf dann reagieren. Wenn die strukturellen Rahmenbedingungen besser wären, ginge das viel leichter.

Welche Veränderungen wären nötig?
VI: Ein Rahmen, ein ökonomisches Fundament, dass Leute an der Gedenkstätte, die Vermittler_ innen, sich überlegen können, wie man was verbessern kann.  Dass es internationalen Austausch gibt, dass ein stärkerer inhaltlich-pädagogischer Austausch stattfindet, dass ExpertInnen an die Gedenkstätte kommen, dass ein Rahmen entsteht, in dem dieser Austausch stattfinden kann. Es gibt jetzt diesen Rahmen nicht. Viel Austausch mit den KollegInnen untereinander passiert in den  Pausen  oder bei der gemeinsamen Anreise im Auto. Da ist einfach sehr viel Gesprächsbedarf da. Es stellt sich oft einfach die Frage des Geldes. Da ist alles extrem knapp bemessen, auch nach der Auslagerung.
Viele Dinge haben sich in den letzten Jahren verbessert beim pädagogischen Angebot für Gruppen, das muss man auch sagen. Jetzt arbeiten wir nach einem pädagogischen Konzept. Es hat sich in den letzten zehn Jahren sehr viel geändert. Früher war es so, dass die pädagogische Arbeit von den Zivis gemacht worden ist. Mittlerweile macht man eine Ausbildung, die sehr aufwendig ist, es gibt eine eigene pädagogische Leitung. Davor ist das Wie, das Didaktisch-Methodische,    ganz anders abgelaufen. Seit es eine pädagogische Abteilung gibt, ist ein Konzept entwickelt worden. Das Format der Begleitungen hat sich geändert. Viele Dinge haben sich verbessert, und trotzdem: Das pädagogische Angebot hinkt hinterher.
 
Was ihr auf eurer Webseite auch an mehreren Stellen bemängelt, ist das Schweigen der Gedenkstätte zu gesellschaftspolitischen Themen.
Ja. Einzig als in der rechtsextremen Zeitschrift Aula KZ-Häftlinge 2015 als „Landplage“ und „Massenmörder“ bezeichnet wurden, hat sich die Gedenkstätte geäußert, aber auch erst viel später, im Jahrbuch 2016.3 Aber fast alles, was sich jetzt ereignet hat, unter Türkis-Blau, sei es Landbauer, sei es die aktuelle Flüchtlingspolitik und noch viel mehr, da gibt es vonseiten der Gedenkstätte nichts, keine Stellungnahme, keine Presseaussendung. Es herrscht ein Schweigen der Gedenkstätte.
Warum schweigt die Gedenkstätte?
VI: Ich glaube, weil man sich politisch nicht die Finger verbrennen will.

Das ungekürzte Interview ist nachzulesen auf historischpolitischebildung.wordpress.com

 

 

1 Katharina Kniefacz / Robert Vorberg: Diskussionen um die Re- organisation der KZ-Ge- denkstätte Mauthausen. In: KZ-Gedenkstätte Mauthausen (Hg.), Jahr- buch Mauthausen 2016, Wien 2017, 107–115.
2 Gedenkstättengesetz, § 3 Aufgaben der Bundesanstalt, online: https://bit. ly/2OlpMvS (4.11.2018).
3 Andreas Kranebitter:Zur Diffamierung der Überlebenden des KZ Mauthausen. Eine Stellungnahme zur „Aula-Debatte“. In: KZ-Gedenkstätte Maut- hausen (Hg.), Jahrbuch Mauthausen 2016, Wien 2017, 137–152.