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Patriarchale Perspektive

Autor_in: 
Kathrin Gusenbauer, Benjamin Horvath

Zur Notwendigkeit von Feminismus in den Wissenschaften

Der Feminismus ist an der Uni längst nicht mehr fremd. Er hat sich Plätze in einzelnen Wissenschaften erkämpft und für manche Fächer den Grundstein gelegt. Doch ganz geheuer scheint er Akademiker_innen noch immer nicht zu sein. Warum braucht es ihn eigentlich? Und gilt das etwa auch für die Naturwissenschaften? Ein Plädoyer für Feminismus an der Uni in Beispielen.

 

Ein kleiner Schritt für die Frauen

In den letzten Jahrzehnten hat sich an der Universität Wien ordentlich etwas getan. Sie verpflichtet  all ihre Organisationseinheiten durch einen Frauenförderungsplan für Lehre und Forschung, eine Frauenquote von 40 Prozent zu erfüllen – bei Nichteinhaltung drohen Budgetkürzungen. Zwar ist  diese Entwicklung in ihrer Stoßrichtung zu begrüßen, doch da sie sich gegen ein Symptom richtet – die Unterrepräsentation von Frauen an der Uni – berührt  sie nur auf Umwegen die Ursache für die Schieflage und für Benachteiligungen.
Wenngleich nicht jede Frau Feministin ist, birgt ein Mehr an Frauen zumindest ein Mehr an Beiträgen aus weiblich konnotierten Erfahrungswelten, so unterschiedlich diese auch sein mögen. So können Missstände aufgedeckt werden,  ein  erster  Schritt  zu einer Gleichstellung. Feministische Intervention ist notwendig, damit Wissenschaft  ihrem  Anspruch entsprechen kann, zum Wohle der Menschheit beizutragen. Folgend
zwei Beispiele, wie das zu verstehen ist. Geschlecht ist dabei als soziales Konstrukt  zu denken, welches performativ geäußert und materiell verfestigt wird.

 

Die Wissenschaft von dem Menschen

Lebenswissenschaften wie die Medizin haben zentralen Einfluss auf das Leben aller. Eine strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft macht auch vor der Medizin nicht halt. Erst die kürzlich  entstandene  Disziplin der Gendermedizin zeigt, dass Nebenwirkungen und Symptome
je nach Geschlecht variieren können. Diese Erkenntnisse sind mit Vorsicht zu genießen, da hier die Kategorien Männer und Frauen fälschlicherweise vereinheitlicht und alle ausgegrenzt werden, die dem nicht entsprechen können oder wollen.
Es ist erstaunlich, wie lange in der Medizin nur vom männlichen Körper ausgegangen wurde. Frauen wurden, wenn sie überhaupt Erwähnung fanden, nur in Abweichung zum Mann dargestellt und beschrieben. Eine Ausnahme bildet das Thema Reproduktion, in dem es meist nur um Frauen geht. Beispielsweise sind zwar Verhütungsmittel begrüßenswert, da sie es Frauen ermöglichen, selbst über ihre Reproduktion zu bestimmen, doch führt das derzeitige Angebot an Verhütungsmitteln gleichzeitig dazu, die Aufgabe der Verhütung großteils Frauen zuzuweisen. Auch das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, eines der bedeutendsten Grundrechte für Frauen, spielt im Medizinstudium keine Rolle. Der Eingriff wird dort einfach nicht gelehrt. Die Lage in Österreich ist dabei bereits katastrophal: In mehreren Bundesländern werden Abtreibungen erst gar nicht von öffentlichen Krankenhäusern durchgeführt. Außerhalb von Wien gibt es nur drei, die ohne weitere Erschwernisse und  zum  in Österreich durchschnittlichen Preis Abbrüche anbieten. Wenn Abtreibung zwar unter bestimmten Bedingungen straffrei ist, es aber niemanden gibt, der/die sie (zeitgerecht) durchführt, steht dies einem Verbot in wenig nach und stellt eine Diskriminierung über Umwege dar. Darum: Es braucht feministische Interventionen auch inden Lebenswissenschaften, denn sie sind zentrale Player für eine Schlechterstellung aller, die vom Ideal Mann abweichen.
Recht ist (patriarchale) Auslegungssache
Auch in den Rechtswissenschaften ist die Einbeziehung der Perspektiven von Frauen elementar, um hier und jetzt für bessere Verhältnisse zu sorgen. Viele Arten der strukturellen Diskriminierung werden durch Rechtsetzung und -sprechung aufrechterhalten. Dies gilt auch für alle anderen Menschen, die aufgrund von Geschlecht oder Sexualität benachteiligt werden.
In Judikative und Legislative herrscht grundsätzlich ein Mangel an kritischer Auseinandersetzung mit Situationen, in denen häufig Frauen Betroffene sind. So wurde etwa die Vergewaltigung in der Ehe erst 1989 unter Strafe gestellt. Umso fataler, dass viele glauben, man könne neutral richten. Die Notwendigkeit der Reflexion der eigenen Situiertheit in der Wissensproduktion ist dabei  schon seit Jahrzehnten Programm im Feminismus. Dass es daran schon im Jusstudium mangelt, zeigt ein Blick in die Übungsbücher. Mit Übungsfällen sollen angehende Jurist_innen geltendes Recht erlernen. Das Frauenbild ist dabei oftmals erschreckend: Es ist oft stereotyp, die Frau ist Hausfrau, Verkäuferin    oder    Sekretärin. Nicht selten sind sie „attraktiv“ oder „können nicht mit Geld umgehen“.
Progressive   Initiativen    wie das Netzwerk Kritischer Rechtswissenschaften oder der Feministische Jurist_innentag sind notwendig, um in ihrem Metier auf Missstände hinzuweisen. Gemeinsam mit politischem Protest können darauf aufbauend Debatten in der Legislative angestoßen werden, öffentliches Bewusstsein geschaffen werden und Institutionen wie die Gleichbehandlungsanwaltschaft entstehen. Diese stellt eine Form
politischer Intervention dar, die nicht nur für die Verwirklichung langfristiger Ziele einer egalitären Gesellschaft Bedeutung hat, sondern ganz konkret individuell Leben verbessert.

 

Schluss mit den alten Tugenden

Es gibt noch viele Beispiele, die veranschaulichen, wieso es feministische    Interventionen    an den Universitäten braucht.  Das gilt für Sozialund Humanwissenschaften ebenso wie für Lebenswissenschaften oder interdisziplinäre Studien wie die Neurowissenschaften.Feminismus bedeutet nicht nur die Beteiligung von Frauen am Unibetrieb, sondern auch Einfluss auf und Kritik an Wissen und Wissenschaft.
Gerade wenn man sich der Entstehung der modernen Wissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert widmet, wird deutlich, dass der Ausschluss von Frauen ein zentrales Element war, da Wissenschaft grundsätzlich als männlich definiert wurde. Notwendige Tugenden zur Ausübung der Wissenschaft – Objektivität und Rationalität – sind seit Jahrhunderten männlich konnotiert.
In dieser Vorstellung arbeitet der Wissenschaftler unbeeinflusst von Emotionen passioniert sein Leben lang an seinem Werk. Eine widersprüchliche und völlig realitätsferne Darstellung. Denn Wissen, Erkenntnis und Wissenschaft sind kollektive Prozesse, die nicht gottgleich über der Gesellschaft stehen, sondern in ihr stattfinden.

Feminismus überall

Wissenschaft ist eine zentrale kulturelle Autorität, die sich alltäglich zeigt und materiell verfestigt. Derzeit ist sie jedoch in ihrer Praxis und in ihrem Inhalt benachteiligend für all jene, die von einer bestimmten Form des Männlichen abweichen. Solange über Dozenten, die sich für eine Karenz entscheiden, weiterhin der Kopf geschüttelt wird, es nicht gleich viele Frauen wie Männer gibt, die Professuren bekleiden, und man Gleichbehandlungsanwaltschaften braucht, um geltendes Recht durchzusetzen, solange braucht es Feminismus an der Uni.
Solange Männern und Frauen nachgesagt wird, grundsätzlich verschieden zu sein, und Frauen nicht ausschließlich selbst über ihren Körper bestimmen dürfen, solange brauchen wir Feminismus – und das nicht nur an der Uni.