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Natur und Versöhnung

Autor_in: 
Dorothea Born

Warum der Umgang der Menschen mit Natur und ihr Umgang miteinander zutiefst verknüpft und verstrickt sind und die befreite Gesellschaft trotz der potentiellen Möglichkeit des Wohlstands für alle so fern scheint – und wie diese vielleicht doch zu erreichen wäre.

Das Unterfangen, die verschiedenen Naturbegriffe der Kritischen Theorie auseinander zu lösen und linear aufzulisten, scheint nicht nur fast unmöglich, sondern auch wenig sinnvoll. Denn die verschiedenen Perspektiven auf Natur sind notwendig miteinander sowie mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verstrickt und können nur in Verbindung zu jenen gedacht werden. Deshalb kann hier auch nur ein unvollständiger Versuch gewagt werden, in dem auch klar wird, wie der ‚wissenschaftliche Anspruch‘, der Linearität und klar definierte, voneinander abgrenzbare und miteinander vergleichbare Begriffe fordert, den philosophischen Fragmenten in ihrer dialektischen Verschlungenheit Gewalt antut. Ich möchte es, auf diesen Widerspruch reflektierend, dennoch versuchen, da vielleicht, oder gerade deshalb, in meinen Ausführungen doch auch die Möglichkeit für Erkenntnis gegeben ist.

Erste Natur: Objekt der Beherrschung

In der Dialektik der Aufklärung zeichnen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die Geschichte der menschlichen Subjektwerdung nach. Natur als ‚das da Draußen‘ ist immer auch gefährlich und bedrohlich und zwingt den Menschen bestimmte Handlungsweisen auf. Das erklärte Ziel der Aufklärung wäre, diesen Naturzwang zu überwinden. Doch ist dieser Versuch, historisch gesehen, sehr brutal und gewalttätig verlaufen. Denn um selbst zum Subjekt zu werden, hat der Mensch die Natur als ‚das Andere‘ unterworfen. Dabei fasst die Kritische Theorie ‚Natur‘ allerdings nicht nur als die äußere Umwelt, als Naturgewalten, sondern erkennt auch die innere, menschliche Natur: alle Triebe und körperlichen Bedürfnisse, aber daneben Emotionen, Wünsche, Ängste und Sehnsüchte.1 Diese sind jedoch gesellschaftlich vermittelt, was nichts daran ändert, dass sie ebenso unterworfen werden mussten: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ 2

Zweite Natur: Erstarrte Verhältnisse

Aufgrund dieser ‚Zurichtung‘ der Individuen und der brutalen Beherrschung der Natur für den Zweck der Selbsterhaltung des Systems ist Aufklärung mit Herrschaft verknüpft und hat letztlich ihr Ziel verfehlt: „Die vollends aufgeklärte Welt strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ 3 Denn die Menschen sind immer noch unfrei, mehr noch, sie können ihre Unfreiheit kaum mehr als selbstgemachte erkennen. So scheint diese Unfreiheit das ausweglose Prinzip einer Gesellschaft zu sein, in der die Dinge ‚eben von Natur aus so sind‘. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, zu dieser Zweiten Natur erstarrt, erscheinen als unveränderbare und unhinterfragbare Tatsachen. Anstatt die Natur vollständig zu entzaubern, wird sie zur Ableitung der sozialen Ordnung wieder verzaubert und bekommt so Sinn und Bedeutung.4

„Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen.“ 5 Zugespitzt könnte man postulieren, dass sich die Natur hier für ihre Behandlung ‚rächt‘. Denn der Naturzwang ist nicht gebrochen, sondern lebt in den gesellschaftlichen Verhältnissen fort. Das Prinzip des allgemeinen Äquivalents verfolgt nicht die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, sondern nur die Verwertung des Werts, der sich die Menschen unterordnen. Wollen sie sich selbst erhalten, müssen sich die Individuen, im doppelten Sinne, frei von allen Mitteln und frei, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, dem Leistungsdruck der kapitalistischen Gesellschaft unterwerfen.

So zeigt sich auch das ‚Wesen des Menschen‘, das die Kritische Theorie, ebenso wie die Natur, nur negativ, also über die Verhältnisse bestimmt, unter eben diesen immer wieder besonders abscheulich. Der menschliche Umgang ist zumeist kein freundliches, umgängliches Miteinander, wo eins „ohne Angst verschieden sein kann“ 6, sondern unter dem Prinzip der Selbsterhaltung im Kapitalismus geprägt von Leistung, Konkurrenz, Neid und Hass und dem alles durchdringenden Tauschprinzip, das sich noch in unseren privatesten Beziehungen niederschlägt. Die Natur spiegelt sich in den Beziehungen der Menschen im Kapitalismus. Hier kommt die Ambivalenz des Naturbegriffs der Kritischen Theorie zum Ausdruck: denn sie ist „Objekt von Herrschaft und zugleich deren Ausdruck“ 7.

Natur als Verweis auf das Nichtidentische

Diese beiden dialektisch verknüpften Begriffe von Natur beschreiben das Verhältnis von Naturbeherrschung und Naturzwang. Ihnen muss jedoch noch eine weitere, diesen beiden entgegengesetzte Perspektive auf Natur hinzugefügt werden, wo Natur sich überhaupt jeglicher Definition entzieht. Denn was Natur letztlich wirklich sein könnte, wohin sie sich frei entwickeln könnte, ist gar nicht erkennbar, da wir in ihr immer auch die Geschichte ihrer Unterwerfung sehen. Dennoch trotzt die Natur immer wieder auch ganz praktisch dem wissenschaftlichen Definitions- und Vereinheitlichungszwang. Darin lässt sich ein ‚Aufblitzen des Nicht-Identischen‘ erkennen. Durch diesen Verweis auf all jenes, was sich nicht durch Begriffe beschreiben und in Kategorien packen lässt, enthält Natur auch ein utopisches Moment, das in der Kritischen Theorie gerade durch die Figur des Tieres immer wieder aufgegriffen wird. So heißt es in der Minima Moralia: „Indem die Tiere ohne den Menschen irgend erkennbare Aufgabe existieren, stellen sie als Ausdruck gleichsam den eigenen Namen vor, das schlechterdings nicht Vertauschbare […]. Ich bin ein Nashorn, bedeutet die Figur des Nashorns.“ 8 Genau in der funktionslosen, nicht zweckgerichteten Existenz der Tiere, die sie vom Menschen unterscheidet, liegt das utopische Moment.9 „Als Begriff für ein falsches Verhältnis bedeutet Natur immer auch die Möglichkeit eines richtigen, worin ihr Qualitatives endlich zur Geltung käme, das die Natur in ihrer Zweckmäßigkeit ohne Zweck vorführt, ob nun die Menschen in sie eingreifen oder nicht.“10

Eingedenken der Natur im Subjekt

„Der einzige Weg, der Natur beizustehen, liegt darin, ihr scheinbares Gegenteil zu entfesseln, das unabhängige Denken“ 11, schreibt Max Horkheimer in der Kritik der instrumentellen Vernunft. Denn rationales Denken kann, trotz seiner immanenten Verstricktheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, versuchen, diese gedanklich zu durchdringen und über sie hinauszudenken. So wird letztlich die instrumentelle, zweckgerichtete und auf die Systemerhaltung abzielende Vernunft kritisiert, während gleichzeitig versucht wird, das emanzipatorische Potential, das der Aufklärung ebenso innewohnt, zu retten.

Durch die Beschäftigung mit Natur, der Geschichte ihrer Beherrschung und durch die Erkenntnis des Leids, das ihr angetan wurde, kann Aufklärung auf sich selbst und das herrschaftliche Moment, das ihr innewohnt, reflektieren und sich so gegen Herrschaft wenden. Durch dieses „Eingedenken der Natur im Subjekt“, wie es in der Dialektik der Aufklärung genannt wird, kann ebenso erkannt werden, dass die Menschheit letztlich das Schicksal der Natur teilt und Naturbeherrschung auch zu herrschaftlichen Verhältnissen führt. Zugleich kann aber die Zweite Natur als vom Menschen gemachte und damit prinzipiell jederzeit veränderbare erkannt werden. Naturversöhnung und allgemein menschliche Versöhnung sind somit genauso verbunden wie Naturbeherrschung und Naturzwang.

Anmerkungen:
1    Vogel, Steven: Against Nature. The Concept of Nature in Critical Theory. State University of New York Press. Albany (1996), S. 54.
2    Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Fischer. Frankfurt am Main (1969), S. 40.
3    Ebd. S. 9.
4    Stone, Alison: Adorno and the disenchantment of nature. Philosophy & Social Criticism 32 (2), S. 231–253 (2006).
5    Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung.  S. 19.
6    Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp. Berlin und Frankfurt am Main (1951), S. 261
7    Scheit, Gerhard: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno. Ça-ira. Freiburg (2011), S. 120
8    Adorno: Minima Moralia. S. 261.
9    Vgl. Djassemy, Irina: Der „Produktivgehalt kritischer Zerstörerarbeit“. Kulturkritik bei Karl Kraus und Theodor W. Adorno. Würzburg (2002), S. 156 ff.
10    Scheit, Gerhard: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno. Ça-ira. Freiburg (2011), S. 123.
11    Horkheimer, Max: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main (1967)