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Kary Mullis – Ein zweifelhaftes Vorbild für die Wissenschaft

Autor_in: 
Mika Oliverie

Seit 1901 wird der Nobelpreis an Forscher_innen vergeben, die – so die Statuten der Stiftung – mit ihrer Arbeit „der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“.1 Einmal derart ausgezeichnet, richten manche Preisträger_innen allerdings großen Schaden an. So verfügt der mit höchsten Ehren ausgezeichnete Biochemiker Kary Mullis aufgrund seines Erfolges über einen großen Wirkungskreis für menschenverachtende Verschwörungstheorien.

 

Alternde Wissenschaftler_innen versuchen leider oft, am Ende ihrer Karriere erneut für Schlagzeilen zu sorgen. Zu viele werfen sich mit Halbwissen in einen fremdes Fachgebiet, stellt Martin Rees, Astronom und ehemaliger Präsident der Royal Society fest.2 Biolog_innen wie James Watson, einer der Erstautoren des heutigen DNA-Modells, haben im letzten Licht ihres Erfolges versucht, ihre Laborergebnisse auf gesellschaftliche Zusammenhänge umzulegen. Bei James Watson führte dies unter anderem zu rassistischen Kommentaren über die angeblich geringere Intelligenz schwarzer Angestellter.3 Der Physiker und Nobelpreisträger Brian Josephson hingegen irritierte die Wissenschaft durch Veröffentlichungen über Telepathie und Esoterik.4

Doch neben diesen späten Entgleisungen gibt es auch einige Wissenschaftler_innen, die schon während ihres Erfolges eine Schwäche für Pseudowissenschaften haben. Kary Mullis, Nobelpreisträger seit 1993, äußert sich leichtfertig auf einem besonders sensiblen Gebiet. Der exzentrische Wissenschaftler aus Kalifornien erlangte nach seiner aufsehenerregenden Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) weltweite Anerkennung. Die PCR war eine verblüffend einfache Entwicklung. Mit nur wenigen Komponenten war es möglich, DNA-Stücke innerhalb weniger Stunden in beliebiger Menge zu vervielfältigen – eine Prozedur, die zuvor Wochen in Anspruch genommen hatte. Dies war ein Meilenstein für die Biologie: Von schnellen Genuntersuchungen bei Krebserkrankungen bis zur DNA-Analyse eines Tatorts gibt es zahlreiche Anwendungsgebiete.

Mullis selbst hängt das Image eines Rockstars an – er gilt als launisch, aber hochkreativ. Der Wissenschaftler will ein Entertainer sein, er braucht ein Mikrofon und eine große Zuhörer_innenschaft.5 Sein Unterhaltungsdrang und das Spiel mit den Medien dürften auch der Grund dafür sein, dass einige ungewöhnliche Erzählungen über ihn eine gewisse Öffentlichkeit erreicht haben. Einem Gesprächspartner vertraute er an, er glaube, ohne LSD-Konsum wäre sein Verstand vermutlich nicht bereit gewesen für seine Erfindung.6 Bei anderer Gelegenheit erzählt er, wie ihn die Erkenntnis zu seiner weltbekannten Erfindung schließlich während einer nächtlichen Autofahrt traf.7 Es kursiert auch die Geschichte, wie er eines Nachts vor seiner Waldhütte einen leuchtenden Waschbär traf, der ihm einen schönen Abend wünschte. Er versichert, dass er zu diesem Zeitpunkt nüchtern war.8

Die bizarren, aber im Kern harmlosen Geschichten überschatten eine weitere Seite von Mullis, die nur selten erwähnt wird, obwohl er sie nie verborgen hat. Kary Mullis ist der prominenteste Anhänger des bekannten AIDS-Leugners Peter Duesberg, welcher seit den 1980er Jahren einen Zusammenhang zwischen HIV und AIDS bestreitet und stattdessen Drogenkonsum und sogar das zur Behandlung eingesetzte Medikament AZT für die Symptome der Krankheit verantwortlich macht.

Verschwörungstheorie mit realen Folgen

Die Bewegung der AIDS-Leugner_innen ist sehr heterogen und hat verschiedene, sich oft widersprechende Erklärungen für AIDS. Während einige Anhänger_innen nur die Behandlungsmethoden für falsch halten, wird AIDS von vielen als Phantasie- bzw. Modekrankheit gesehen oder als Fehldiagnose anderer längst bekannter Krankheiten. Peter Duesberg streitet die Existenz des HI-Virus nicht ab. Er hält ihn jedoch für einen harmlosen Nebenvirus.

Duesberg konnte seine Position an der University of Berkeley nutzen, um mehrere Beiträge ungeprüft in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Betrachtete man seine Artikel am Anfang noch als seriöse, kritische Diskussionsbeiträge, wurde schnell deutlich, dass Duesberg nicht an einer Debatte interessiert ist und alle Ergebnisse ignoriert, die nicht zu seinen Ansichten passen.9

Obwohl Duesbergs AIDS-Forschung von nahezu der gesamten Forschungsgemeinschaft als Pseudowissenschaft eingestuft wird, hat sie ganz reale Auswirkungen. Mit Thabo Mbeki wurde 1999 ein bekennender AIDS-Leugner Präsident von Südafrika.10 Seine Regierung stoppte die Versorgung mit antiviralen Medikamenten und erschwerte die Arbeit internationaler Gesundheitsorganisationen. Mbeki begründete seine Handlungen unter anderem mit den Empfehlungen des von ihm einberufenen Presidential AIDS Advisory Panel, dem auch einige AIDS-Leugner_innen, darunter Peter Duesberg, angehörten. Kary Mullis nahm zwar nicht teil, beteiligte sich aber laut dem Abschlussdokument an einer Forumsdiskussion.11

Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass mehr als 300.000 AIDS-Tote innerhalb von fünf Jahren den Handlungen der Mbeki-Regierung zuzuschreiben sind.12

 

Der Verantwortung ausweichen

Auf den Vorwurf, er habe unzureichende Expertise auf dem Gebiet der Virologie, reagiert Mullis lapidar mit: „Das ist mir egal.”13 Doch der Wissenschaftler ist sich durchaus bewusst, dass sein 1993 gewonnener Nobelpreis schützend über ihm steht und seinen Aussagen die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit verschafft. “They can’t pooh-pooh me now, because of who I am”, sagt er selbstsicher.14 Als Nobelpreisträger genießt Mullis eine gefährliche, scheinbar legitime wissenschaftliche Autorität.

Aber wie konnte er trotz solcher Aussagen zum Forscher_innenvorbild werden? Populäre Medien lieben Erfolgsgeschichten von Querdenker_innen im Kampf gegen das wissenschaftliche Establishment. Oft werden langwierige und komplexe Forschungsprozesse einzelnen Personen zugeschrieben, obwohl die Leistungen von Forschungsteams erbracht wurden – die sich leider schlechter für die Titelstory inszenieren lassen. Auch die PCR war nicht der Erfolg eines Einzelnen. Dr. White, ehemaliger Arbeitskollege von Kary Mullis, beschrieb, wie dieser zwar mit dem genialen Einfall auftauchte, aber lieber psychedelische Bilder am Computer malte, als sie praktisch umzusetzen. Erst seine Kolleg_innen verwirklichten schließlich seine Ideen.15

Die Biologie neigt dazu, ihre Geschichte zu verklären, die zu nicht geringen Teilen von Eugenikern*, NationalsozialistenX und SozialdarwinistenX geschrieben wurde. Im Dezember 2015 wurde Konrad Lorenz, seines Zeichens österreichischer Verhaltensforscher, Nobelpreisträger und Unterstützer des Nationalsozialismus, die Ehrendoktorwürde der Universität Salzburg entzogen.16 Nach der Verleihung dauerte es damit 32 Jahre, bis eine kritische Auseinandersetzung mit einer Galionsfigur der Biologie möglich war. Es sollte alles dafür getan werden, dass im Fall Mullis nicht so viel Zeit vergehen muss.

 

* Mit der männlichen Form der Bezeichnung soll nicht geleugnet werden, dass an dieser Geschichte auch Frauen mitschrieben. Ihr Anteil und die entsprechende Dokumentation ist aber marginal, was nicht durch eine Schreibweise verdeckt werden soll.

 

 

1 Aus Nobels Testament: http://www.nobelprize.org

2 NYT Online 28.10.2007 „Bright Scientists, Dim Notions“ www.nytimes.com/2007/10/28/weekinreview/28johnson.htmlr_r=3&adxnnl=1&oref=slogin&ref=science&adxnnlx=1193583001-IE12EKQeJt1sjwCUOYPVWg&oref=slogin

3 The Guardian Online, 01.12.2014 „He may have unravelled DNA, but James Watson deserves to be shunned“

http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/dec/01/dna-james-watson-scientist-selling-nobel-prize-medal (10.11.2015)

4 Die Zeit Online, 12.12.2002 „Die zwei Leben des Brian“

http://www.zeit.de/2002/51/P-Brian_Josephson/seite-2 (12.12.2015)

5 NYT Online, 15.09.1998 „Scientist at Work/Kary Mullis; After the 'Eureka,' a Nobelist Drops Out“

http://www.nytimes.com/1998/09/15/science/scientist-at-work-kary-mullis-after-the-eureka-a-nobelist-drops-out.html?pagewanted=2 (11.11.2015)

6 Schoch, Russell (09/1994): Q&A – A conversation with Kary Mullis. California Monthly Berkeley, CA: California Alumni Association. 105 (1): 20.

7 Nobel Lecture, 08.12.1993 „The Polymerase Chain Reaction“

http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/chemistry/laureates/1993/mullis-lecture.html (11.11.2015)

8 London Review of Books, 17.11.2011 „What might they want?

http://www.lrb.co.uk/v33/n22/jenny-diski/what-might-they-want (11.11.2015)

9 ORF Online, 29.01.2010 „Tödliche Leugnungen“

http://science.orf.at/stories/1637820/ (11.11.2015)

10 Der Standard Online, 28.05.2010, „Die Zweifel der 'Aids-Leugner'"

http://derstandard.at/1271377151720/Die-Zweifel-der-Aids-Leugner (13.12.2015)

11 Presidential AIDS Advisory Panel Report, 03.2001http://www.virusmyth.com/aids/hiv/panel/aidsreport.pdf (11.11.2015)

12 Wie Anmerkung 8

13 Wie Anmerkung 4

14 Farber, Celia: AIDS Words from the front. Spin. Juli 1994 https://www.gib-aids-keine-chance.de/wissen/aids_hiv/zahlen_und_fakten.php?L=0 (Zugriff am 11.11.2015)

15 Wie Anmerkung 4

16 FAZ Online, 18.12.2015 „Uni Salzburg entzieht Konrad Lorenz die Ehrendoktorwürde" http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/titel-erschlichen-uni-salzburg-entzieht-konrad-lorenz-die-ehrendoktorwuerde-13973531.html (18.12.2015)