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Interview: Weibliche Genitalverstümmelung in Irakisch-Kurdistan

Autor_in: 
Yasemin Makineci

In den 60er Jahren wurden in der westlichen Welt Klitoridektomien (chirurgische Entfernung der Klitoris)  durchgeführt, um damit teilweise krankhaftes weibliches Sexualverhalten vermeintlich zu heilen. Diese Behandlungsmethode wurde angewandt gegen Anorgasmie, Hysterie, Masturbation und weibliche Homosexualität.1

In der Geschichte der Gewalt gegen Frauen findet sich eine Vielfalt der Barbarei – der Hass auf das weibliche Lustempfinden findet dabei heute in Staaten des Nahen Ostens, Südostasiens und Afrikas unter anderem seinen Ausdruck in der Weiblichen Genitalverstümmelung. Female Genital Mutilation (FGM) definiert die Weltgesundheitsorganisation dabei als: „[…] all procedures that involve partial or total removal of the external female genitalia, or other injury to the female genital organs for non-medical reasons.“2

Der Queer Theory und den Critical Whiteness Studies gilt die Benennung des Eigentlichen, mutilation, also Verstümmelung, als rassistisches Moment und wird verhandelt: das Spezifikum wird durch ein Wort ersetzt zu Female Genital Cutting (Beschneidung) - damit zeige man ein neues Forschungsparadigma auf.3

Für all jene Mädchen und Frauen, die in Gesellschaften leben, wo ein Versuch der Tilgung der Sexualität des Mädchens und der Frau existiert, ist diese akademische Debatte irrelevant. Medial ist die kurdische Autonomiebestrebung wieder präsent – da der Islamische Staat nun im Irak und im bürgerkriegsgezeichneten Syrien wütet. Seit jeher sei das kurdische Autonomiegebiet im Nordirak jene Region des Nahen Ostens, in welcher rechtsstaatliche Ansprüche und damit auch Frauenrechte als am konsequentesten durchgesetzt gelten. Kurdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kampagne Stop FGM in Kurdistan führen ihre Arbeit in jenen Regionen jedoch nur unter widrigsten Bedingungen durch – unter Drohungen und Verleumdung, so Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer der vor allem im Nordirak tätigen NGO Wadi e. V. Ein Gespräch.

 

Wie verbreitet ist FGM im Nordirak? Gibt es ein Stadt-Land-Gefälle?

In einigen Regionen lag die Quote bis vor kurzem bei 100%. Sehr hoch ist sie in den Provinzen Sulaimaniyya und Erbil während sie in nördlicheren Regionen aus unklaren Gründen wesentlich niedriger ist, wobei die Bereitschaft, über FGM zu reden,  gegensätzlich gelagert ist. In Kirkuk ist FGM ebenfalls sehr verbreitet, und zwar unter der kurdischen Bevölkerung weiter als unter der arabischen oder turkmenischen. In den letzten 50 Jahren führte eine immense Landflucht dazu, dass sich die Stadtbevölkerung im Irak von 30 auf 80 Prozent erhöhte. Interessant ist hier, dass FGM in der ländlichen Bevölkerung eine Tradition ist, es genau dort jedoch einfacher ist, die Bevölkerung zu überzeugen, diese Praxis zu beenden. Auch in gebildeten Schichten in den Städten existiert FGM, welche früher als dörfliche Tradition galt. Dort ist – nicht nur in Irakisch-Kurdistan, sondern in vielen Ländern des Nahen Ostens oder Asiens – zu beobachten, dass Islamisten seit etwa 30 Jahren eine massive Propaganda für FGM tätigen. In Irakisch-Kurdistan bewirkt vor allem von Salafisten und wahabitisch angehauchten Islamisten betriebene Propaganda, dass auch Teile des städtischen Mittelstand seitdem ihre Töchter verstümmeln lässt, was er früher nicht tat, als FGM eher als eine dörfliche Tradition galt.

Laut UNICEF sind ungefähr die Hälfte aller FGM-Prozeduren im Irak in der Statistik4 nicht bestimmt. Wer sind die Personen, die diese Verstümmelung durchführen?

Wir haben die UNICEF-Studie massiv kritisiert und sofort nach ihrer Erscheinung eine sehr lange Analyse publiziert, weil wir sie für äusserst fragwürdig halten. Interessanterweise gibt diese Studie nur dort etwas her, wo vor allem wir Vorstudien im Nordirak getätigt haben. Laut UNICEF gibt es nämlich  im Zentral- und Südirak kein FGM und das stimmt so nicht. In Irakisch-Kurdistan werden diese Verstümmelungen vor allem von midwives [Hebammen] durchgeführt, welche schlecht ausgebildet ein Spektrum der prämedizinischen Betreuung im ländlichen Gebiet abdecken. Aufgrund der Tatsache, dass FGM seit 2011 per Gesetz verboten ist und ärztliches wie Pflegepersonal sich durch Verstümmelung strafbar macht, ist dort die Quote sehr gering. Die Geburtshelferinnen verwenden dafür Nagelscheren, Glasscherben oder Messer an Mädchen im Alter zwischen drei und vier und desinfizieren mit heisser Asche.

In Ägypten ist die Rate seit 2014 bei Mädchen im Alter von 15-17 um 13%5 gesunken. Wie ist der Ausblick im Nordirak?

In den letzten Jahren haben wir in den Gebieten, in denen wir intensiv arbeiten, festgestellt, dass die Quote an Neuverstümmelungen laut Angaben der Befragten dramatisch zurückgeht. Es ist festzustellen, dass mit intensiven Mühen es gerade in ländlichen Gebieten möglich ist, die Menschen davon zu überzeugen, damit aufzuhören und somit in relativ kurzer Zeit die Rate der Neuverstümmelungen drastisch zu senken. Allerdings stösst das natürlich auf Widerstand der islamisch-Konservativen – es ist ein Kulturkampf, der auch geführt werden muss. Bei Befragungen sagen immer mehr Leute – Eltern, Lehrer, Krankenschwestern - dass sie kein positives Verhältnis mehr zu FGM haben, das ist wichtig.

In Ägypten sind 91% der Mädchen im Alter von 5-14 genitalverstümmelt; dabei werden 70% aller Eingriffe von medizinischem Personal durchgeführt.4 Wie wirkt sich das allgemein auf die medizinische Behandlung der Mädchen aus?

FGM galt – bis wir mit unserer Arbeit begonnen haben – als ein afrikanisches Phänomen. Dass das Problem auch im Iran, in Indonesien, Malaysia, Singapur, Indien, Pakistan und Oman bestand und besteht, war ebensowenig bekannt wie das bestehende Engagement dagegen.  Ägypten hält  eine Sonderstellung inne, weil es ein arabisches Land ist, aber immer Afrika zugerechnet wurde. In der Amtszeit Mubaraks in Ägypten gab es nur halbherzige Versuche, FGM einzudämmen – stattdessen fand eine Medikalisierung statt, um die hygienischen Bedingungen zu verbessern. Diese Idee ist in Irakisch-Kurdistan nicht sehr verbreitet, zum Glück. Die Diskussion gibt es dagegen in auch in Indonesien und Malaysia. Dazu lässt sich aus meiner Sicht nur sagen: FGM gehört abgeschafft, nicht medikalisiert.

„Mutilation“ wird oft auch durch „Cutting“ ersetzt oder ergänzt (FGM/C). Ist eine begriffliche Trennung sinnvoll oder eine Relativierung der Gewalt?

FGM/C ist eine offizielle Wortwahl. Ich lehne die Forderung nach dieser Trennung nicht etwa deshalb ab, weil sie aus selbstbezüglichen akademischen Debatten von Kulturrelativistinnen und -relativisten kommt, sondern weil 'mutilation' bedeutet, dass eine irreversible körperliche Beeinträchtigung erhalten bleibt. Wenn wir jedoch von „Beschneidung“ reden, wäre das eine Abmilderung. Auch wenn ich ebenfalls gegen die Beschneidung von Jungen bin – FGM hat doch stärkere Implikationen.

Obwohl es bei FGM um die Kontrolle der weiblichen Sexualität geht, wird die Beschneidung bei Jungen als religiöser Ritus verteidigt.

Innerhalb der vier sunnitischen Rechtsschulen schreibt die schafaitische, welche vor allem in Ägypten, Indonesien und Kurdistan verbreitet ist, Beschneidung bei Mädchen und Jungen gleichermassen vor. Wenn sich das kurdische Parlament ganz klar gegen die religiöse Rechtsschule stellt und FGM 2011 unter Strafe stellt, dann ist das ein eindeutiges Zeichen. In der islamischen Welt gilt das weibliche Lustempfinden und die Fähigkeit der Frau, Lust zu empfinden, als zersetzend und wird bekämpft. Das geht auch Männer etwas an. Die Beschneidung der Klitorisvorhaut ist ein Versuch der Geschlechterzuordnung und damit der Unterdrückung: ein Mädchen muss beschnitten werden, weil ihr sonst womöglich noch ein Penis wachse. Diese Argumentation ist in Irakisch-Kurdistans stark verbreitet.

Wie steht es um die anderen Frauenrechte in Irakisch-Kurdistan?

Derzeit gibt es einen immensen Rollback durch den generellen Zerfall der Region. Die Diskussion um FGM, Zwangsheirat und Ehrenmord kommt immer dann auf, wenn ein wenig Freiheit herrscht. Man redet über diese Themen nicht unter Assad oder Hussein, sondern in dem Moment, wenn sich – wie nach 2003 im Irak – eine Aufbruchstimmung entwickelt und sich kleine Freiräume bilden. Eine Fülle von Initiativen gegen Polygamie, FGM, Zwangsheirat und gegen die arrangierte Ehe bereits im Säuglingsalter konnten entstehen. Ich möchte das nicht schönreden, denn die Situation ist wie überall im Nahen Osten desaströs, aber es hat schon positive Entwicklungen gegeben. Doch durch den syrischen Bürgerkrieg und den „Islamischen Staat“ haben die Leute ihre Hoffnung verloren. Es ist klar: die USA hat sich zurückgezogen, Europa hat sich zurückgezogen, der Iran und Russland sind auf Seiten Assads, alle machen Dialog mit irgendwelchen Erdogans, geht vor dem Islamismus in die Knie. 70 Kilometer entfernt mordet der Islamische Staat, 150 Kilometer weiter bombt die russische Luftwaffe – für die fundamentalistischen Kräfte ist das Morgenluft. Die Gewaltstruktur im Nahen Osten entlädt sich als erstes gegen Frauen, Mädchen und Minderheiten. Und auch für Kampagnen gegen FGM wird es immer schwieriger Gelder zu bekommen, unsere Arbeit sowohl in Irakisch-Kurdistan als auch die Stop FGM Mideast Kampagne sind kaum mehr finanziert  – dieser Krieg und die daraus resultierende Flüchtlingswelle absorbieren die Gelder. Projekte, die langfristig gegen – obwohl ich diesen Begriff hasse - „Fluchtursachen“ ankämpfen, können so nicht mehr arbeiten, die Gelder werden in Nothilfe umdeklariert und der Teufelskreis geht weiter. Stattdessen umarmt man jene zum Dialog, die die Region zerstören und darunter leidet alles, was je auf Veränderung gesetzt hat. Und am Ende gibt es nur noch mehr Flüchtlinge.

 

Das Gespräch führte Yasemin Makineci.

 

1 The Oxford Encyclopedia of Women in World History: Band 4. Oxford University Press 2008, S. 261: "As recently as the 1960s physicians in the United States and the United Kingdom were performing genital cutting – usually clitoridectomies – as a „treatment“ for hysteria, lesbianism, and masturbation, to „cure“ nonorgasmic women, and for other so-called female deviance."

2 http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs241/en/

3 „[…] um zu zeigen, dass es dabei nicht nur um eine neue Bezeichnung neben anderen geht, sondern um ein neues Forschungsparadigma, das für einen kritisch-reflektierten und antirassistischen Umgang mit dem Thema steht[...]“ https://www.gender.hu-berlin.de/de/publikationen/gender-bulletins/texte-28/texte28pkt7.pdf [Letzter Zugriff: 26.10.2015]

4 http://www.unicef.org/publications/index_69875.html [Letzter Zugriff: 24.10.2015]

5 http://english.ahram.org.eg/NewsContent/7/48/131165/Life--Style/Health/FGM-on-the-decline-in-Egypt--Survey.aspx [Letzter Zugriff: 29.10.2015]

6 http://www.stopfgmmideast.org/

weitere Informationen: www.wadi-online.de/ sowie www.wadi-net.de/blog/