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Hier geht die Geschichtswissenschaft baden

Autor_in: 
Benedikt Krieg

Für Festredner und Hobbyhistoriker Heinz-Christian Strache war es die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches: Die Enthüllung des Denkmals für die so genannten ‚Trümmerfrauen‘ im Österreich der Jahre 1943 bis 1954 am 1.10.2018. Geladen hatte das FPÖ-nahe Cajetan-Felder-Institut, das damit jene österreichischen Frauen ehren wollte, welche nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten das Land vom Schutt befreien mussten. Soweit die Lesart der österreichischen Rechten (auch wenn viele von ihnen wohl nicht von ‚Befreiung‘ sprechen würden).

Begleitet wurde der Vizekanzler von mehreren Ministern der rechts-rechten Regierung, für die höheren Weihen sorgten ein emeritierter katholischer Bischof und ein evangelischer Pfarrer, musikalisch wurde untermalt von einer Blaskapelle in Bundesheer-Uniform. Da passt die reaktionäre Form zum geschichtsrevisionistischen Inhalt.
Das Denkmal, welches nun die Mölkerbastei gegenüber der Hauptuniversität ‚ziert‘, ist nämlich Ausdruck eines Geschichtsmythos, der einen ganz bestimmten Zweck verfolgt.
 
Zur Faktenlage
Unter Historiker_innen hat sich schon länger die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Geschichte von den Frauen, die Österreich (bzw. Deutschland) mit bloßen Händen wieder aufgebaut hätten, nicht stimmt (vgl. Treber 2015). Besonders perfide ist die zeitliche Eingrenzung, denn zur Trümmerbeseitigung wurden in den Jahren 1943–1945 vor allem Zwangsarbeiter_ innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge eingesetzt. Nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee änderte sich das natürlich grundlegend. Wie in anderen Städten wurden auch hier ‚Belastete‘ – also überzeugte Nationalsozialistinnen (wie auch Nationalsozialisten) – zu den Arbeiten zwangsverpflichtet. Andere beteiligten sich aus Alternativlosigkeit, etwa um Rationen zugeteilt zu bekommen. Die Freiwilligkeit, die erst den Heldinnenmythos konstruiert, findet sich selten, den größten Anteil an der heldenhaften Beseitigung von Schutt hatte schweres Baugerät. Zudem ist belegt, dass der Einsatz von Laien für diese Aufgabe ein relativ kurzes Phänomen war. In München etwa arbeiteten rund 1.500 Personen in den Trümmern, eine Untersuchung ergab, dass es sich dabei zu 90 Prozent um verpflichtete Nazis handelte (Müller, 2015). Durch den zeitlichen Rahmen wird der Fokus der Aufmerksamkeit aber weg von der NSund hin zur ‚Besatzungszeit‘ verschoben.

Was ist der Sinn solcher Denkmäler?
Daraus ergibt sich natürlich die Frage, was mit solchen Denkmälern (in Deutschland stehen einige davon und sind auch dort Ausgangspunkt von Kontroversen) bezweckt werden soll. Einige Hinweise darauf finden sich in der Festrede des Vizekanzlers mit Vergangenheit in der Neonaziszene. Einerseits ermöglichen solche Aktionen eine Relativierung des Leids der Opfer des Nationalsozialismus, hier gibt es kein Unterscheiden zwischen Täterinnen und Opfern. Und wenn alle Opfer sind, hilft das, einen weiteren Mythos zu befeuern: Die Opfergemeinschaft der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, in der niemand mehr Nazi gewesen sein wollte. Auch fällt in der Rede mehrmals der unsinnige Begriff von der
„Stunde Null“: Mit der Kapitulation soll auch ein kompletter Neustart inszeniert werden. Die nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘ verwandelt sich wieder in schuldlose Individuen und niemand hatte etwas gewusst. Aus ehemaligen Nazis werden hart arbeitende Frauen, die etwas für die Allgemeinheit tun. Späteren Generationen werden sie als ideale Identifikationsobjekte angeboten, denn obwohl sie eigentlich aus der Täter_innengeneration stammen, werden sie zeitlich völlig abgekoppelt von den Verbrechen der NS-Zeit betrachtet. Zusätzlich schwingt hier das gängige rechte Frauenbild mit, das Frauen als schuldlos und rein imaginiert. So können sie natürlich auch keine Täterinnen gewesen sein. Historische Aufgaben oder Taten übernehmen Frauen in diesem Bild nur in absoluten Ausnahmefällen.
Da verwundert es auch nicht, wenn der verantwortliche Künstler bei der Enthüllung von „weiblichen Energien“ faselt und eine nackte „Allegorie der Weiblichkeit“ abbildet, da es mit dem historischen Wissen nicht besonders weit her ist. Es stellte sich übrigens heraus, dass er einfach eine seiner alten bronzenen Miniaturen (Die Badende) kopiert hatte, diesmal eben in Groß und leider in fatalem Kontext.
Bleibt die Frage: Was tun mit dieser Statue gegenüber der Universität? Da die  politische  Rechte an Wissen über Zeitgeschichte schon immer eher minderinteressiert war, wird ein pädagogischer Ansatz nicht unbedingt Früchte tragen. Und schon gar nicht muss es die Aufgabe von Antifaschist_innen sein, FPÖ-Minister vor ihrer eigenen Lächerlichkeit
 zu bewahren. Vor einigen Tagen zierten allerdings Handtuch und Shampoo die bronzene Frau, das hat den ‚Energien‘, die vom Mahnmal ausgehen, sehr gut getan. Vielleicht entwickelt sich die Badende ja auch in Zukunft weiter.

Leseempfehlung
Leonie Treber, Mythos Trümmerfrauen.  Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegsund Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes. 2014, Essen: Klartext; vergünstigt erhältlich bei der Bundeszentrale für politische Bildung Deutschland unter bpb.de

1Siehe Leseempfehlung 
2Felix Müller, Trümmerfrauen-Denkmal verhüllt. In: Merkur. de vom 23.07.2015 (bit.ly/2zKmblP, abgerufen am 05.11.2018)