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GEPLÜNDERT, VERBRANNT, GERÄUMT, DEMOLIERT

Autor_in: 
Andrea Berger

Eine kleine Ausstellung im Gasometer zeichnet das Verschwinden jüdischer Institutionen in Wien nach.

Anlässlich des Gedenkjahrs 2018 zeigt das Wiener Stadtund Landesarchiv eine Ausstellung, die sich verschwundenen Zentren jüdischen Lebens in Wien widmet. Im Foyer des Archivs wird auf zwölf Schautafeln auf die Nutzungsgeschichte unterschiedlicher Gebäude eingegangen, um das allmähliche Verschwinden jüdischer Institutionen aus dem Wiener Stadtbild aufzuzeigen. Bis 1938 bestand in Wien die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas mit ungefähr 600 Vereinen, 300 Stiftungen, 26 Synagogen und 70 kleineren Bethäusern. Das Wiener Stadtund Landesarchiv und der Verein für Geschichte der Stadt Wien dokumentieren übersichtlich, was mit den jüdischen Institutionen geschah, von wem und wie die Gebäude im Laufe der Zeit genutzt wurden, was sich heute an den vorgestellten Orten befindet und ob bzw. wie an die vergangenen Geschehnisse erinnert wird.
So wird beispielsweise auf die Synagoge in der Kaschlgasse 4 im 20. Bezirk eingegangen, die nach der Verwüstung während der Novemberpogrome  von der NSDAP übernommen und als Vereinslokal der Ortsgruppe Wallenstein und des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps genutzt wurde. Im Sommer 1939 wurde die Liegenschaft vom sogenannten Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände, der für die Liquidation von juristischen Personen zuständig war, an eine Ärztin verkauft. 1956 entschied die Rückstellungskommission über eine sofortige Rückgabe an die Antragstellerin, die Israelitische Kultusgemeinde Wien. Zwischen 1945 und 1974 wurden die Räumlichkeiten der ehemaligen Synagoge und einige im Haus befindliche Wohnungen an die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) vermietet. Die KPÖ vermietete die ehemalige Synagoge wiederum an den Trachtenund Volkstanzverein Schneidiger Hauer weiter, der sie als Tanzlokal nutzte. Von 1989 bis 2009 befand sich schließlich eine Billa-Filiale in der Kaschlgasse. Momentan stehen die Räumlichkeiten leer. Eine Gedenktafel erinnert an die ehemalige Synagoge.
Neben den Schautafeln sind in vier großen Vitrinen Originaldokumente – Baupläne, Kaufverträge, Briefe etc. – ausgestellt, anhand derer die Geschichte der vorgestellten Schauplätze greifbar wird. Der kostenlose Ausstellungskatalog, dessen grafische Gestaltung leider nicht den ausführlich recherchierten Inhalten gerecht wird, enthält dieselben Texte  wie die Schautafeln und macht Notizen somit hinfällig. Leider fehlen mit Ausnahme des Titelbildes die Vorher-nachher-Fotos, die in der Ausstellung auf sehr einfache, aber wirkungsvolle Art einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Geplündert, verbrannt, geräumt, demoliert eine jener kleinen Ausstellungen ist, die inhaltlich voll überzeugen können, aber deren Architektur für das durch die großen Museen verwöhnte Auge etwas gewöhnungsbedürftig ist – das macht das bearbeitete Thema aber keinesfalls weniger spannend.

 

Verschwundene Zentren jüdischen Lebens in Wien
Die Ausstellung ist noch bis zum 22. 02. 2019 bei freiem Eintritt im Foyer des Wiener Stadtund Landesarchivs im Gasometer D (Guglgasse 14, 1110 Wien) zu sehen.