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Gedenken und Universität

Autor_in: 
Marianne Hofbauer

Warum die ÖH Uni Wien im Gedenkjahr eine Ringvorlesung zum Thema Wien 1918-1938 organisiert hat.

Derzeit findet an der Universität Wien die Ringvorlesung Wien 1918–1938 :Von der Utopie einer besseren Gesellschaft in die zivilisatorische Katastrophe statt. Sie wurde von der Hochschüler_innenschaft (ÖH) der Uni Wien organisiert. Anlass ist das Gedenkjahr 2018.

Die Ringvorlesung entstand aus der Motivation heraus, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts an der Universität ume in von Studierenden organisiertes Angebot zu erweitern. Damit soll nicht nur das Gedenken an diese Zeit inhaltlich untermauert, sondern zusätzlich Studierenden vermittelt werden, wie wichtig Geschichte und Gedenken für die Gegenwart und unser alltägliches Zusammenleben sind.

Schon ein kurzer Blick in das Veranstaltungsangebot des Wintersemesters reicht aus, um zu sehen, dass unsere Ringvorlesung nicht die einzige Gedenkveranstaltung ist. Denn 2018 ist ein Gedenkjahr, in dem zahlreiche historische Ereignisse thematisiert werden: das Ende des Ersten Weltkriegs, die Gründung der Ersten Republik und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, welches zum ersten Mal auch für Frauen* galt. Das alles ist heute 100 Jahre her. 20 Jahre später wurde Österreich von Deutschland unter dem Naziregime annektiert, wobei große Teile der Bevölkerung den‚ Anschluss‘ begrüßten; das brutale Novemberpogrom desselben Jahres sollte nur ein Vorzeichen des Horrors sein, der die jüdische Bevölkerung erwartete. 1948 nahm die UN-Generalversammlung vor allem im Rückblick auf die Gräueltaten der Nazis im Jahrzehnt davor die Allgemeine Erklärung der Menschrechte an. Schließlich blicken wir auf das Jahr 1968 zurück, das wie kein anderes in der jüngeren Geschichte für gesellschaftlichen Wan- denlsteht.

Niemals vergeben – niemals vergessen!

Die Worte „Niemals vergeben, niemals vergessen“ prägen das Bild von Demonstrationen und Mahnwachen. Sie ziehen sich wie ein Motto durch alle Veranstaltungen und Publikationen zu den grausamen Verbrechen des Holocaust. Die Mechanismen von Faschismus und totalitären Systemen sind seit geraumer Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Auseinan- dersetzungen und Analysen. Dennoch, in der politischen Auseinandersetzung bleibt das ,Lernen aus der Geschichte‘ häufig aus.Schlüsse aus der Vergangenheit werden nicht gezogen oder fallen unter den Tisch. Vergessen zu sein scheint, dass Demokratie und Wahlen noch lang keine Garantie sind, dass faschistische Parteien nicht an die Macht kommen und sich keine Systeme entwickeln, die ganzen Menschengruppen das Recht zu leben absprechen. Heute sind Rassismus, Antisemitismus und auch Sexismus oder Homo*- und Trans*-Phobie wieder auf dem Vormarsch. Aus dem Innenministerium kommt eine fragwürdige Anweisung, die die Pressefreiheit zu bedrohen scheint, in Niederösterreich verhängt die Landesregierung Ausgangssperren für Asylwerber*innen und scheint mit jedem Tag die Demokratie etwas mehr aushebeln zu wollen. Parallelen lassen sich viele ziehen und aus der Geschichte zu lernen erscheint so zentral wie nie zuvor.

Gedenken an der Universität

Doch hat eine Gedenkjahr-Veranstaltung an einer Universität das Potential, zu verändern? Im ersten Augenblick vielleicht nicht ganz. Doch bei näherer Betrachtung sind Veranstaltungen wie diese ein Ausgangspunkt, um dem Vergessen tatsächlich Einhalt  zu gebieten und um aus Vergangenem lernen zu können. Florian Wenninger, der im Übrigen ebenfalls eine Einheit der Ringvorlesung gestaltet, setzte sich bereits 2009 mit der österreichischen Gedenkkultur auseinander. Dabei hob er hervor, dass das Gedenken in der etablierten Form viele Problemfelder hat. Damit sich nämlich ein für die breite Gesellschaft taugliches Gedenken als Quasipflicht bei sämtlichen Veranstaltungen herausbilden konnte, bedurfte es einer radikalen „Entkontextualisierung“ der Geschehnisse, derer gedacht wird. In den meisten Fällen geht es dabei um einen „latenten Voyeurismus“ und um das Be- dürfnisnach „moralischer Selbstaufwertung“, eher selten stehen tiefergehende Auseinandersetzungen und Erkenntnisinteressen auf dem Programm von Gedenkreden. Damit bleibt dann auch das Postulat, aus Geschichte lernen zu wollen, ein leeres Mantra. Wie Wenninger schreibt: „Die tatsächlich abgeleiteten Lehren sind sehr allgemein und beziehen ihre Wirkmacht vornehmlich aus ihrerBeliebigkeit.“1

Dieses ,Gedenken ohne Inhalt‘ pocht auf die Zivilcourage der_des Einzelnen, selten stehen politische Aussagen und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge im Vordergrund. Dieses kontextlose Gedenken birgt auch eine andere Gefahr: Woran nicht gedacht wird, wird vergessen. Damit entstehen blinde Flecken im kollektiven Gedächtnis, die die Gesellschaft in Sicherheit wiegen. „Nie vergessen!“ bleibt eine leere Floskel, wenn sie nicht miteinbezieht, dass politische Akteur_innen auch heute fähig sind, die Demokratie auszuhebeln und zu untergraben.

Das bedeutet nicht, dass Gedenken nicht gebraucht wird oder falsch ist. Vielmehr bedeutet es, dass es wichtig ist, das Gedenken immer in einen Kontext zurückzuführen. Es darf nicht bei einer inhaltsleeren Minute bleiben, sondern es ist wichtig, die Geschichte mit allen Facetten aufzuarbeiten. Natürlich kann nicht jede_r Expert_in für Geschichte werden. Doch die konkrete Auseinandersetzung mit den Themen, derer wir gedenken sollten, muss in der Gesellschaft genauso ihren Platz finden wie das mehr oder wenige ritualisierte Gedenken bei verschiedenen Anlässen. Die Universität eignet sich dafür sehr gut, es sollte aber immer darauf geachtet werden, dass es genug öffentlich zugängliche Veranstaltungen gibt, die die Geschichte aufarbeiten, die informieren und die es einfach machen, sich mit Themen auseinanderzusetzen.

Gedenken ist politisch

Geschichte und Gedenken sind immer politisch. Oftmals wird Geschichte als Argument eingesetzt, meist passend zurechtgelegt oder gar als Waffe, um Kriege zu rechtfertigen2 oder Macht zu legitimieren. Aleida Assmann nennt dies „ein Gedächtnis des Willens und der kalkulierten Auswahl“.3 Besonders bei nationalistischen Bewegungen wird kollektives Erinnern  und Geschichte eingesetzt, um Zusammengehörigkeitsgefühle zu schüren und zu steuern. Ein Beispiel hierfür ist die  Instrumentalisierung  von Geschichte durch die FPÖ und insbesondere durch die Burschenschaften, die sich revisionistisch auf das Jahr 1848 beziehen, um sich romantisierend als ‚Vorreiter der Demokratie‘ zu positionieren.

Aber auch in der Demokratie ist Geschichte für das Selbstverständnis wichtig. Zur Verankerung der Menschenrechte beispielsweise ist der historische Kontext zentral. Geschichte ist politisch, was vor allem bei staatlich initiiertem oder unterstütztem Gedenken deutlich wird: Wessen gedacht wird, wirkt sich auf das kollektive Gedächtnis aus.4

Insofern ist es gerade jetzt für uns Studierende wichtig, tiefergehende Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit auf eine öffentlich zugängliche Ebene zuheben. Dazu gehören neben Vorlesungen noch viele weitere und vor allem niederschwellige Angebote. Geschichtsaufarbeitung darf nicht nur im ‚Elfenbeinturm Universität‘ passieren, sondern muss auch hinausgetragen werden!

Das ganze Programm der Ringvorlesung findet ihr unter bit.ly/2KymrJG.