Sie sind hier

Freiheit ist keine Metapher

Autor_in: 
Christof Steidl

Der Sammelband Freiheit ist keine Metapher ist die jüngste Publikation des Berliner Querverlags. Als fünfter Teil der Kreischreihe schließt er thematisch an den letztes Jahr erschienenen Titel Beißreflexe1 an, der Aspekte einer bestimmten feministischen Selbstkritik erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Resultat war eine kontroversiell geführte Debatte, die jedoch häufig allein die sprachliche Form zum Gegenstand hatte.2

Insgesamt erstrecken sich auch hier 38 Beiträge unterschiedlicher Formate über die im Untertitel des Buchs ausgewiesenen Themenbereiche. Sie alle eint ein ausgesprochen negativer Befund über aktuelle Entwicklungen in den sich als emanzipatorisch gerierenden linken Strömungen, die unter den Labeln Queerfeminismus und Antirassismus firmieren.
Den Autor_innen des Bandes ist es mit ihren überwiegend analytischen Bestandsaufnahmen und eindringlichen, zuweilen ebenfalls auf rhetorische Stilmittel wie Polemik zurückgreifenden Erfahrungsberichten an einer Kritik akademisch-institutionalisierter sowie aktivistisch auftretender Bewegungen gelegen, die den Anspruch allgemeiner Befreiung bereits hinter sich gelassen haben. Selbstredend wären für eine abschließende Beurteilung die entsprechenden Artikel in ihrer Gesamtheit einer argumentationslogischen und empirischen Prüfung zu unterziehen. Im Folgenden greife ich einige zentrale inhaltliche Aspekte heraus.
 

Subjektivität und Resignation
Ein ganzes Kapitel widmet sich ausführlich    den    theoretischen Abgründen im Œuvre der renommierten queerfeministischen Vordenkerin Judith Butler.3 Marco Ebert erschließt im umfangreichsten Beitrag des Sammelbandes durch eine materialreiche Untersuchung der Schriften Butlers die zentralen politischen  Prämissen der postmodern inspirierten Philosophin: Ihrer notorischen Forderung von begrifflicher Dekonstruktion und Beschwörung von Kontingenz zum Trotz geht  es  hier um die Negation individueller Freiheit und Vernunftfähigkeit zugunsten kollektiver Gewalt, wie sie in der Macht partikular-kultureller Gemeinschaftlichkeit repräsentiert ist. Nicht soll es dabei um
der nötigen Anerkennung von Differenz und pluralen Lebensentwürfen willen um die universelle Beseitigung der Zwänge gehen, die die freie Entfaltung der/ des je Einzelnen beständig hintertreiben. Stattdessen mögen die identifizierten Subjekte in der Auslieferung an die Instanzen ihrer Sozialisierung zu sich selbst finden.
In Butlers Begrifflichkeiten kommt es unversehens zu einer Verfestigung von Nation, Kultur und Religion, weil kein vermittelndes Element mehr existiert, durch das Subjektivität über jene Zwangszusammenhänge hinaus erst gestiftet würde. Auch wenn es richtig ist, dass die in Butlers Sprachphilosophie als gewalttätig zurückgewiesenen Allgemeinbegriffe in Konfrontation mit der realen Mannigfaltigkeit der bezeichneten Dinge mangelhaft sind und ausschließend wirken, ist mit ihnen immer gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, das Auseinandertreten von Begriff und Sache im Medium des Denkens reflexiv einzuholen. Butlers Plädoyer für die Einfühlung in vermeintlich unmittelbar-konkrete Referenzrahmen, die zur „Bündnisfähigkeit mit Reaktionären“ (Ebert) führt, speist sich aus dem undialektischen Rückzug auf die ‚Unversöhnlichkeit‘ von Besonderem und Allgemeinem. Aufklärung und  Rationalität bedeuten hier ungeachtet ihrer Ambivalenz nur mehr Logozentrismus und kulturimperialistische Anmaßung dezidiert westlicher Provenienz, der es, so Butler, entschieden entgegenzutreten gelte. Identität steht gegen Identität. Welche Identitäten und Partikularismen Butler, ihrem eigenen Paradigma folgend, immer weiter dekonstruiert und verflüssigt sehen will (Subjekt Frau, Judentum, westlicher und jüdischer Nationalismus), und auf welche sie sich emphatisch bezieht (archaische Stammeskultur und palästinensischer Nationalismus), ist theorieimmanent nicht hinreichend zu entschlüsseln. Es handelt sich hier um einen offenen Widerspruch, der nur durch eine politisch-strategische Dimension erklärbar ist.

Subsumption der Minderheiten
Jene antiemanzipatorische Ontologisierung von Kollektividentitäten ist demgemäß an eine einseitig moralisch aufgeladene Feindbestimmung gegenüber westlicher Modernität samt ihrer – real noch nicht eingelösten – Ideale gekoppelt, deren Dichotomie sich wie ein roter Faden durch große Teile des gegenwärtigen antirassistischen und migrationspolitischen Aktivismus zieht. Fathiyeh Naghibzadeh richtet sich in ihrem exemplarischen Beitrag gegen die apologetische Funktion des Begriffs ‚Islamophobie‘: Unter dem kategorischen Verdikt des Rassismus werde dadurch religiös legitimierte patriarchale Herrschaft vor Kritik immunisiert, während die Imagination eines religiösen Bekenntnisses als unveränderbare Eigenschaft, gegen solche Vorwürfe gewendet, selbst als ungerechtfertigte Essentialisierung benannt werden muss. Ein so verstandener Rassismusbegriff wird zum instrumentell gebrauchten Schlagwort depotenziert, das in einer homogenisierenden Gleichsetzung von vermeintlich Fremden und den ihnen zugedachten kulturellen Traditionsbeständen gründet.
Es drängt sich hierbei die Frage auf, was eigentlich aus den Menschen werden soll, die sich aus genuinem Interesse gegen die Anmaßungen ihrer eigenen Herkunft wenden? Nicht zuletzt angesichts der Erfahrung von Kopftuchzwang, Geschlechterapartheid, Zwangsverheiratung, weiblicher Genitalverstümmelung und Verfolgung von Homosexuellen und Glaubensabtrünnigen4 kann es hier wohlgemerkt bis zum Kampf um Leben und Tod gehen. Solange die Auseinandersetzung mit Migration, Flucht, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu einem unterkomplexen Kulturkampf mit (selbst-)rassifizierenden Implikationen stilisiert wird, bleibt Selbstbestimmung der Betroffenen unter den Kategorien vergraben, wenn sie nicht zusätzlich als Verräter_innen an der sakrosankt gesprochenen Minderheit denunziert werden.
Die in Freiheit ist keine Metapher anhand konkreter Beispiele ausgewiesenen Spielarten der theoretischen und praktischen linken Identitätstümelei5 zeichnen sich dadurch aus, dass marginalisierte Personengruppen aus einem projektiven Bedürfnis heraus wahlweise als ideelle Verkörperung authentischer Widerständigkeit gegen die weiße Mehrheitsgesellschaft6 oder, in paternalistischer Herablassung, als entmündigte Opfergemeinschaft behandelt werden. An den besten Stellen des Sammelbandes scheint dem gegenüber die Erkenntnis auf, dass gegen diese letzten Endes zutiefst affirmativen Konzeptionen ein Analyseansatz der ökonomisch-sozialen Totalität bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung zu wenden und unter Rekurs auf universelle Prinzipien für einen Zustand zu streiten wäre, in dem die Freiheit der/des Einzelnen die Bedingung der Freiheit aller ist.

 

1 l’AmourLaLove, Patsy (Hg.): Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Querverlag. Berlin 2017.
2 Als prominentes Beispiel für den an Beissreflexe gerichteten pauschalen Vorwurf der „Entsolidarisierung“ mit dem durchaus heterogenen Feld der Gender Studies siehe Butler, Judith / Hark, Sabine: Gender-Studies. Die Verleumdung. DIE ZEIT Nr. 32/2017.
3 Alarmierende Konsequenzen ihres Denkens sind unter anderem die Romantisierung gewaltsam aufgezwungener weiblicher Vollverschleierung und ihr antizionistisches Engagement, das 2006 in der öffentlichen Sympathiebekundung für die islamistischen Terrororganisationen Hamas und Hisbollah kulminierte.
4 Durch das SchariaRecht der Islamischen Republik Iran droht auf Apostasie, verstanden als Abfall vom Islam, die Todesstrafe.
5 Das Konzept der cultural appropriation konvergiert mit seiner Reklamation von kultureller Homogenität und Relativismus mit Formen von Ethnopluralismus, wie sie auch in der Neuen Rechten vertreten werden
6 In bestimmten Critical-Whiteness-Kontexten grassiert die mystifizierende Vorstellung, Wahrheitsfähigkeit und Sprecher_innenautorität würden allein schon qua Minderheitenstatus verbürgt.