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Feministische Geschichts- und Gedenkvermittlung muss herrschaftskritisch sein

Autor_in: 
Iris Hanebeck

Petra Unger entwickelte vor 25 Jahren die Frauen*Spaziergänge in Wien. Mittlerweile sind es über 50 Routen in zwölf Bezirken. Ihre Art, Herrschaftsgeschichte zu dekonstruieren und auf Lücken und blinde Flecken hinzuweisen – die weit über Frauenbiografien hinausreichen –, machen ihre Arbeit für Wien unverzichtbar. Petra Unger vereint hohen wissenschaftlichen Anspruch mit einer klaren, verständlichen Erzählweise und ist so eine der interessantesten Vermittlerinen feministischer Perspektiven.

Iris Hanebeck: Ziemlich genau vor hundert Jahren, am 12. November 1918, wurde in der jungen Ersten Republik das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen eingeführt. Wird der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 ausreichend gedacht?
Petra Unger: Es ist ganz eindeutig nicht in dem Maße beleuchtet, schon gar nicht von den Medien. Immerhin hat die Hälfte der Österreicher_innen das Wahlrecht bekommen.
Im November feiern wir 100 Jahre gesetzlichen Beschluss des Frauenwahlrechts. Ich wundere mich über die fehlende Resonanz am Buchmarkt. Vermutlich orientieren sich alle an 1919, als die ersten Frauen wählen durften und im Zuge dessen auch ins Parlament einziehen konnten. Die FPÖ hat kürzlich ein neues Denkmal in Wien präsentiert, Die Trümmerfrauen. Was denken Sie darüber? Unger: Es ist nicht das erste Mal, dass die FPÖ Trümmerfrauen würdigen will. Das ist Teil ihres Programms. Das war schon im Jahr 2000 so und da hat man schon eine sogenannte Einmalzahlung verlangt und sogar durchgeführt. Früher hat man das geschichtsrevisionistisch genannt. In diesem Zusammenhang bedeutet das eine Rehabilitation von Nationalsozialistinnen. Das halte ich für hochproblematisch und kann es nur  auf mangelndes Geschichtswissen zurückführen, dass da nicht wesentlich größere Proteste auf der Straße waren.

In Wien sind rund drei Prozent der Straßen nach Frauen benannt. Dem stehen 43 Prozent Männernamen gegenüber. Gibt es Veränderungen in den letzten Jahren?
Unger: Ja, es tut sich sehr viel, was die Straßenbenennung und die allgemeine kollektive Erinnerung im öffentlichen Raum anbelangt. Es entwickelt sich nach und nach ein Bewusstsein auch bei Gebäudebenennungen. Da kommen vermehrt Frauennamen, wie ich beobachte, inklusive Gedenktafeln. Auch die Kunst im öffentlichen Raum konzentriert sich mehr darauf. Wir haben viele Künstlerinnen, die den öffentlichen Raum gestalten und in der Gedenkkultur an Frauen erinnern. Für mich ergeben sich damit neue Anknüpfungspunkte für die Stadtspaziergänge.

Was kann feministische Geschichtsvermittlung in Bezug auf Erinnerungsarbeit leisten?
Unger: Meiner Ansicht nach gibt es zwei verschiedene Ebenen. Die eine ist die ergänzende Ebene. Ich erzähle, was bisher nicht erzählt wurde. Zum anderen muss feministische Geschichtsund Gedenkvermittlung eine herrschaftskritische Vermittlung sein. Ich halte Feminismus für ein wesentliches Instrument der Herrschaftsanalyse. Herrschaftskritik wiederum kann zu politischer Bildung, Bewusstseinsbildung und einer Sensibilisierung für Erinnerungspolitik in der Stadtgeschichte führen.

Wie erklären Sie sich das mangelnde Geschichtsbewusstsein für die österreichische Frauenbewegung?
Unger: Gut lesbare und kompakt zusammengefasste Literatur fehlt dazu. Das Material ist da, es wurde wissenschaftlich erforscht, aber es ist so verstreut, dass enorme Sucharbeit geleistet werden muss, um es zu sichten. Eine Zusammenschau von Frauengeschichte und Frauenbewegungsgeschichte existiert nicht. Das ist ein eklatanter Mangel.
Tatsächlich könnte da sowohl auf Stadtund Gemeindeals auch auf Bundesebene enorm viel gemacht werden. Allerdings habe ich momentan mit dieser Regierung noch weniger Hoffnung, dass Geschlechtergerechtigkeit oder Frauengeschichte wieder einen höheren Stellenwert bekommen.

Was bräuchte es von der öffentlichen Hand bezüglich Finanzierung?
Unger: Das ist ganz banal: Mehr. Ich bin vor 25 Jahren mit der Idee an die Stadt  Wien  herangetreten, man möge doch Frauengeschichtsforschung fix etablieren und    institutionalisieren,    damit
eine kontinuierliche Forschung gesichert ist. Die Stadt Wien müsste eigentlich ein großes Interesse daran haben. Ich habe die Idee immer noch nicht ganz aufgegeben.

Inwiefern hat Sie das Rosa-Mayreder-College1 für ihre heutige Arbeit geprägt?
Unger: Das Rosa-Mayreder-College hat natürlich eine besondere Prägung und Ausbildung vermittelt. Ich sehe mich selbst mittlerweile sehr stark in der Tradition der Volksbildung und auch der Volksbildungsbewegung. Diese entstand ja aus der Idee heraus, dass Frauen mit hohem Bildungsbedürfnis keinen Zugang zu den Universitäten hatten. Die Männer, die studieren konnten, teilten ihr Wissen mit Frauen, aber auch mit allen anderen Gesellschaftsgruppen, die keinen Zugang  hatten.  Ich habe ja ein ständig wechselndes Publikum. Aber die Idee, diese Übersetzungsarbeit zu machen, hochkomplexe Zusammenhänge so zu formulieren, dass es verständlich ist, ohne zu vereinfachen, ohne oberflächlich zu werden – das ist letztendlich das Ergebnis aus dem Ansatz der Volksbildung heraus.
Ich persönlich habe in den letzten 25 Jahren hart und intensiv an meiner Sprache gearbeitet. Mir geht’s auch darum: Wer spricht? Wie wird gesprochen? Mit wem wird gesprochen? Wem gebe ich das Wort? Welches Wort mache ich hörbar? Die Auseinandersetzung mit Sprache ist für mich eine ganz intensive. In diesem Sinne bin ich hoch vorsichtig und hoch diszipliniert, wenn es um den Gebrauch von Sprache geht. Vor allem in so schwierigen Bereichen wie Gedenken oder sexualisierte Gewalt. Ich muss immer damit rechnen, dass in meiner Gruppe Familienmitglieder von  Opfern der Schoah stehen, oder Betroffene von sexualisierter Gewalt.
Deshalb, denke ich, ist der Umgang mit Sprache enorm wichtig, wie im Übrigen, das weiß jede Feministin, Sprache extrem politisch ist.

Das sind zentrale Fragen von postkolonialen Überlegungen.
Unger: Als Privilegierte wurde ich von Gayatri Spivaks Idee, das Wort abzugeben, tatsächlich sehr inspiriert. Deshalb spreche ich in Einrichtungen wie LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen nicht selbst zum Thema Sexarbeit, wenn es sich vermeiden lässt, sondern lasse Expertinnen sprechen oder Betroffene, so sie sich bereit erklären. Ich spreche, wenn es irgendwie geht, nicht in der RosaLilaVilla über lesbische/ queere Lebenswirklichkeiten.

Gibt es Wünsche für Ihre Arbeit?
Unger:    Mitarbeiterinnen!    Ich möchte nicht mehr alles allein machen. Wie, weiß ich nicht. Finanziell scheint das kaum machbar. Ich bin vor 25 Jahren mit der Idee angetreten, dass alle Wienerinnen 23 Bücher über Frauengeschichte im Regal haben. Für jeden Bezirk eines. Ich bleibe bei dieser Vision.

Gerda Lerner hat sich für jede Frau ein Jahr Zeit zur Auseinandersetzung mit Frauengeschichte gewünscht.
Unger: Das ist auch mein Leitspruch. Jede Frau, egal was sie sonst macht, soll ein Jahr Geschichte studieren. Denn jede Frau ändert sich, wenn sie erfährt, dass sie eine Geschichte hat.

Vielen Dank für das Interview.

1 Das Rosa-Mayreder-College war ein Zweigverein der Volkshochschule Ottakring und wurde 1999 als erste Open University für Frauen in Österreich gegründet. Bis 2012 wurden Lehrgänge mit akademischen Graduierungen im Bereich feministische Bildung und Forschung angeboten.