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Die Wissenschaft und ihre Lehre am freien Markt

Autor_in: 
Sebastian Bornschlegl, Jonas Paintner

Zu welchem Thema soll ich meine Abschlussarbeit schreiben? Was mache ich danach? Kann ich mir vorstellen, ‚an der Uni‘ zu bleiben? Was heißt das überhaupt? Wie kann ich beforschen, was mich wirklich interessiert – auch wenn es vom Seminarangebot abweicht? Wie soll ich mich zum Wissenschaftssystem positionieren? Die under.docs-Fachtagung für Nachwuchswissenschaftler_innen gab Raum für fachlichen Austausch und persönliche Reflexion.

Im Gegensatz zu anderen Ausbildungswegen scheint ein Studium enorme Freiheiten zu bieten: freie Studienwahl, (noch) relativ freier Studienzugang und verschiedene Optionen bei der Zusammenstellung der Kurse. Das sind aber nur kleine Auswahlmöglichkeiten innerhalb genau kontrollierter Pfade: Voraussetzungsketten, BA-/MA-System, Scheinerwerb.
Der Horizont reicht nur bis zum Semesterende. Da landen die Arbeiten in der Schublade, werden Multiple-Choice-Fragen angekreuzt, und hoffentlich gehen sich die 30 ECTS aus. Man muss sich dem System anpassen – ohne es jemals ganz verstanden zu haben.
In  genau  diesem  Widerspruch  fand  von  19. bis 21. Oktober die vierte selbstorganisierte under. docs-Fachtagung zu Kommunikation im Presseclub Concordia in Wien statt. Das Thema „Widerstehen und Widersprechen“ fiel aus der Norm des universitären Alltags und ermöglichte einen ungewohnt kritischen Austausch. Das Konzept: Studierende von Bachelor bis Prä-Doc-Niveau der Geistesund Sozialwissenschaften stellen ihre Forschungsarbeiten vor und vernetzen sich disziplinübergreifend. Beispielsweise werden Erkenntnisse von BAund MA-Arbeiten präsentiert und Einblicke in laufende Dissertationsprojekte gegeben. Dabei sprechen die Beteiligten auch kritisch über die Rahmenbedingungen ihres wissenschaftlichen Arbeitsalltags.

Zum Auftakt reflektierten Dr.in Judith Kohlenberger, Vanessa Spanbauer (BA) und Mag.a Angelika Kurz in Impulsreferaten über  die  Einstiegschan cen und Arbeitsbedingungen des Nachwuchses im wissenschaftlichen Betrieb. Spanbauer wies insbesondere auf diskriminierende Sprache, rassistische Ausschlussmechanismen und den omnipräsenten Eurozentrismus in Publikationen und dem Lehrbetrieb hin. Kohlenberger und Kurz berichteten von enormer psychischer Belastung, die durch Konkurrenzkampf, Vereinzelung und die Zwänge der Hierarchien entsteht. Insgesamt findet der Eintritt in den Forschungsbetrieb in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Aufbegehren und Anpassung statt.
 

Obwohl der Druck groß ist, bleibt die wissenschaftliche Arbeit während der ersten Studienjahre letztlich vollkommen irrelevant, da sie von der eigentlichen Forschung abgetrennt    stattfindet.    Gehört wird nur, wer einen höherwertigen Titel hat. Der dafür notwendige Karriereweg ist aber schwer zu durchschauen und schwer zugänglich. Exzellente Leistungen reichen nicht, man ist dem Zufall der sich ergebenden Möglichkeiten und Stellenangebote ausgeliefert. Die eigenen Interessen kommen dabei nur zum Tragen, wenn sie dem Forschungsschwerpunkt des Instituts, wissenschaftlichen Trends und aktuellen Drittmittelausschreibungen entsprechen. Als Studierende und/oder Mitarbeiter_innen an der Uni erhalten wir die existierende Ausformung des Wissenschaftsbetriebs aufrecht, indem wir uns in diesen einfügen und unsere Arbeitsweise und Themensetzung anpassen.
Doch dies steht im absoluten Widerspruch zur eigentlichen Idee und Aufgabe einer freien Wissenschaft. Eine solche zielt darauf, ein tatsächliches Erkenntnisinteresse unabhängig von  Scheinerwerb und Seminarplänen zu entwickeln, kritische Perspektiven einzunehmen und für eine freie und gerechte Gesellschaft einzustehen. Die under.docs-Fachtagung    versucht, dies ins Bewusstsein zu rufen. Verschiedene Beiträge nahmen auch in diesem Jahr Machtstrukturen sowie Fragen nach der Deutungshoheit in der Wissensproduktion in den Blick und zeigten: Wissenschaftliche    Erkenntnisse werden einerseits zur Legitimation politischer Entscheidungen instrumentalisiert, auch wenn diese einen gesellschaftlichen Rückschritt bedeuten.
Andererseits erwächst aus wissenschaftlicher Forschung auch die Möglichkeit zur progressiven Gesellschaftsveränderung, indem sie Analysen der negativen Entwicklungen anbietet. Aus dieser Perspektive sollten Universitäten sich als Orte des Widerstands begreifen und Verantwortung übernehmen, anstatt ihre Forschung zunehmend durch die Ausrichtung am Markt zu korrumpieren.

Ansätze für kritische Wissenschaft fanden sich letztlich über alle Vorträge der Tagung verteilt. Die Themenpalette reichte von medienkritischem    Lernen    zwischen Hass und Gegenrede, kollektiven Gedächtnissen im Kontext von ‚¡no pasaran!‘ und Widerstand auf Jamaika über den Zusammenhang von Kritik und Propaganda, jugendlichem Erleben elterlichen Konflikts, Commons als Utopie und kurdischem Widerstand bis hin zur Dekonstruktion der Kategorie ‚Flüchtling‘, veganen Weltbildern und politischem Minoritär-Werden.
Konkret zeigte Simon Rettenmaier auf, dass die Struktur des Wissenschaftsbetriebs        radikalgesellschaftskritische        Gedanken unterdrückt. Johannes Korak rief dazu auf, insbesondere innerhalb der Soziologie die koloniale Fachgenese und die Fortschreibung eurozentristischer    Denkmuster selbstkritischer zu reflektieren. Und im Anschluss an Luki Sarah Schmitz’ Vortrag zu „Commons als Utopie“ entwickelte sich eine Diskussion, ob mit Commons-Projekten der kapitalistische Normalzustand überwunden werden könnte.

Insgesamt schienen zahlreiche Ansätze auf, Themen jenseits des Forschungskanons zu bearbeiten und eine gesellschaftskritische Position    einzunehmen.    Doch hier gilt es eben, die strukturel len Einschränkungen mitzudenken: Letztlich ist auch die under. docs-Tagung   als  Karrieresprungbrett konzipiert und  orientiert  sich    an    gängigen    Formaten. Durch die basisdemokratische Organisationsweise, die Themenwahl und die selbstkritische Gesprächskultur sind zwar fortschrittliche Verschiebungen    möglich,    man verbleibt aber doch Teil des wissenschaftlichen Betriebs, den man kritisiert. Der daraus resultierenden Zwänge muss man sich bewusst sein, um innerhalb dieser Grenzen überhaupt kritische Forschung betreiben zu können.
In diesem Spannungsfeld zwischen Idealen und realen Zwängen gibt es durchaus Handlungsspielräume. Derzeit vereinzelte Ansätze, themenspezifisch den Status quo in Frage zu stellen, können fächerübergreifend vernetzt werden. Die noch rohen Forschungsarbeiten von Studierenden müssen in ihrem Potential begriffen und aus den Schubladen geholt werden. Strukturelle Probleme wie Sexismus, Rassismus und psychisches Leid sind keine individuellen Phänomene, sondern betreffen breite Teile der Kolleg_innenschaft und können als solche thematisiert werden.

Die under.docs-Tagung eröffnet in dieser Hinsicht einen Möglichkeitsraum, der Vereinzelung entgegenzuwirken, ohne sich Illusionen hinzugeben. Sie ermöglicht, Formen der  Selbstemanzipation im wissenschaftlichen Betrieb zu erkunden. Auch im Jahr 2019 wird das Projekt fortgeführt und das Organisationsteam steht Interessierten offen.