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Der unbekannte George Orwell

Autor_in: 
Michael Fischer

Den meisten ist George Orwell als Autor von Animal Farm und 1984 bekannt. Beide Romane konnten in Unkenntnis der Biografie des Autors als reine Kritik am Kommunismus gelesen werden, was im Klima des Kalten Krieges wohl zu ihrem Erfolg im Westen beitrug. Doch anders als es die antikommunistischen Rezipientinnen und Rezipienten gerne gehabt hätten, spielt 1984 nicht in Russland, sondern in England – und dies ist kein Zufall.

Orwell hatte 1984 nicht in der Absicht geschrieben, gegen den Sozialismus oder die  Labour Party zu agitieren; vielmehr wollte er mit seinem Roman darauf aufmerksam machen, dass der Totalitarismus (1) auch im Westen obsiegen könnte, wenn man ihm nicht entschlossen genug entgegentrete. Die linksliberale Rezeption wiederum beschränkte sich meist nur auf die technischen Überwachungsaspekte des Buches. Die Kritik an der Geschichtsschreibung, der Umbau der Sprache, die Abkehr vom Wahrheitsgedanken und der Verfall des Rechtssystems wurden jedoch ausgeklammert: Denn bei diesen Themen wären viele linksliberale und postmoderne Rezipientinnen und Rezipienten selbst von Orwells Kritik getroffen worden. Dem Sozialisten Orwell kann die rein antikommunistische Lesart seiner Bücher nicht angelastet werden. Er schrieb seine Kritik, um den Gedanken an eine befreite Gesellschaft zu retten, und hat zeitlebens nie ein Geheimnis aus seiner Sympathie für eine vernünftig eingerichtete Welt gemacht. In seinem Text Zur Verhinderung von Literatur aus dem Jahre 1946 schrieb er: „Einem kann man zustimmen, und die meisten aufgeklärten Menschen tun dies auch: daß, wie die Kommunisten erklären, wahre Freiheit nur in einer klassenlosen Gesellschaft möglich sei und daß heute derjenige schon annähernd frei ist, der für das Zustandekommen einer solchen Gesellschaft kämpft.“ (2) Trotz seines Engagements in der linkssozialistischen Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) während des Spanischen Bürgerkriegs blieb auch die radikale Linke vor seiner schneidenden Kritik nicht verschont. Dass sie die Kritik traf, war zwei Umständen geschuldet: ihrer Anhängerschaft oder zumindest Duldung der stalinistischen Politik und ihrem Pazifismus im Zweiten Weltkrieg.

 Objektiv betrachtet ist der Pazifist pro-nazistisch. (3) (George Orwell)

Entgegen der eigenen Selbstdarstellung hatten sich die Gruppen und Parteien links der Labour Party im Kampf gegen die Nazis nicht mit Ruhm bekleckert. Als deutsche Kampfflugzeuge Großbritannien bombardierten, flüchtete sich ein Großteil der britischen Linksradikalen in einen abstrakten Pazifismus und verurteilte den imperialistischen Krieg Großbritanniens. Dem kriegsbefürwortenden Orwell blieb nichts anderes übrig, als 1940 enttäuscht zu schreiben: „Ich war eine Zeitlang Mitglied der Independent Labour Party, trat aber zu Beginn des gegenwärtigen Krieges wieder aus, weil ich glaubte, dass diese Leute Unsinn redeten und eine politische Richtung verfolgten, die Hitler seine Vorhaben nur erleichtern konnten.“ (4) Als einer, der den Antisemitismus (5) ernstnahm, wusste Orwell auch, welche Frage der Lackmustest für den Pazifismus war: „Was passiert mit den Jüdinnen und Juden?“ Die Frage sei, ob man ihrer Ausrottung einfach zusehen wolle, und welche anderen Mittel als der Krieg blieben, um die Vernichtung der Jüdinnen und Juden zu verhindern. Denn: „Wann und wo ist je ein moderner Industriestaat zusammengebrochen, sofern er nicht von außen mit militärischen Mitteln erobert worden ist?“ (6) Bis auf Gandhi seien dieser Frage alle Pazifisten und Pazifistinnen aus dem Weg gegangen, und dieser habe die Frage in einer Deutlichkeit beantwortet, die in jedem Pazifisten und jeder Pazifistin Abscheu vor sich selbst hätte hervorrufen müssen. Gandhi plädierte nämlich für einen kollektiven Selbstmord der Jüdinnen und Juden, um Deutschland und die Welt gegen Hitler aufzurütteln. Nach dem Krieg rechtfertigte er dies mit dem Umstand, dass die Jüdinnen und Juden sowieso gestorben wären (7). Neben seiner Kritik am Pazifismus lenkt Orwell den Blick auf einen weiteren Aspekt, der auch heute noch wirkmächtig ist: „Die Wahrheit wird zur Unwahrheit, wenn der Feind sich äußert.“ (8) Kriegsverbrechen, die eben noch geglaubt wurden, bezweifelte die britische Linke ab dem Zeitpunkt, als auch die englische Regierung sie in den Fokus nahm. Wusste die Linke in Großbritannien vor 1938 bestens über die Vorgänge in Deutschland Bescheid, zweifelte sie nach dem Kriegseintritt Großbritanniens gegen Deutschland sogar an der Existenz der Gestapo. Freundinnen und Freunde machte sich Orwell mit derlei Analysen in weiten Teilen der Linken natürlich keine. Doch sein Wahrheitsanspruch war ihm wichtiger als Leuten zu schmeicheln, die zufällig auch irgendeine Vorstellung von Sozialismus hatten. So schrieb Orwell 1948: „Vielleicht ist es nicht einmal ein schlechtes Zeichen für einen Schriftsteller heute, reaktionärer Tendenzen verdächtigt zu werden, so wie es vor zwanzig Jahren ein schlechtes Zeichen gewesen wäre, nicht der Sympathie für den Kommunismus verdächtigt zu werden.“ (9)

Anmerkungen:

1  Orwells Totalitarismus-Begriff liest sich sehr klassenkämpferisch und ist an die marxistischen Faschismustheorien seiner Zeit angelehnt: „Eine Gesellschaft wird immer dann totalitär, wenn ihre Struktur offenkundig künstlich wird, das heißt, wenn die herrschende Klasse ihre eigentliche Funktion verliert und sich nur noch durch Gewalt oder Betrug an die Macht klammert.“ George Orwell: Rache ist sauer. Zürich 1975, S. 88-89
2  Ebd., S. 81
3  George Orwell: All Propaganda is Lies. London 1998, S. 40
4  George Orwell: Rache ist sauer. Zürich 1975, S. 8
5  Den Antisemitismus verortete er nicht nur in Europa; in seiner Aufzählung der Anhänger des Faschismus finden sich neben den europäischen Nazikollaborateuren auch die Namen Ezra Pound, Father Coughlin und der Mufti von Jerusalem. In einem Reisebericht über Marrakesch schrieb er bereits 1939 über den Antisemitismus, den er dort vorfand. (George Orwell: Im Inneren des Wals. Zürich 1975, S. 81)
6  George Orwell: Rache ist Sauer. Zürich 1975, S. 26
7  Ebd., S. 167 8  Ebd., S. 16 9  Ebd., S. 179