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Dazwischen zwitschern – Ratschläge für einen guten Troll

Autor_in: 
Barbara* Eder

Diskussionen über die Kommunikationskultur im Netz sind fast immer um Phänomene zentriert, die zu ihrer vermeintlichen Zersetzung beitragen. Trollverhalten und Shitstorms gelten diesbezüglich als äußerste Extreme. Kann trollen dennoch subversiv sein?

Nicht selten grenzt das Lesen von Kommentaren in den Online-Plattformen der großen österreichischen Tageszeitungen an Akte des reinen Masochismus. Mindestsicherungsempfänger_innen werden dort als Sozialschmarotzer_innen beschimpft, Vergewaltigungsopfern Rocklängen vorgeworfen und Gewalt ethnifiziert. Nun könnte man meinen, dass dies nichts Neues ist – auch Leser_innen-Briefe waren selten von Menschenliebe durchdrungen und ihre politische Stoßkraft unterscheidet sich nur bedingt von jener der Online-Kommentare. Hater werden hassen – egal ob im virtuellen oder realen Raum. Da ersterer sie jedoch davon entbindet, personale Verantwortung für ihre Äußerungen zu übernehmen, erlauben sie sich im Netz mehr als in der direkten Face-to-Face-Kommunikation. Befördert werden die virtuellen Ausgeburten ihrer Verachtung auch durch die strukturalen Eigenschaften des Mediums. Dazu zählen fehlende oder unzureichende Forenmoderationen sowie oftmals unverbindlich bleibende Netiquettes, denen man auch nicht durch das nachträgliche Löschen von Threads Genüge tun kann.

Trolle versus Hater

Der Umbau des vormals utopisch behafteten Web 2.0 zur pragmatischen Selbst-darstellungs(ober)fläche von und für wendige (Ver-)Käufer_innen geht mit Phänomenen einher, die den Gegenpart der instrumentellen Vernunft temporär in den Vordergrund stellen. Werden im Netz gerade keine Waren, sondern Meinungen ausgetauscht, verändert sich die oft zermürbend langweilige Kommunikation schlagartig. Hass-Postings, bewusste Fehlinformationen und Verleumdungen werden wahllos abgesondert, der Schimpfwort-Index wächst rasant, sobald kein Klarname mehr erforderlich ist. Was aber unterscheidet einen Troll von einem Hater und warum macht es Sinn, an dieser Unterscheidung festzuhalten?

Trolle – dies scheint eine weit verbreitete Erkenntnis zu sein – sind immer die anderen. Der Common Sense versteht darunter Online-Psychopath_innen, soziophobe Netz-Abhängige oder virtuell agierende Misanthrop_innen, die mit ihren Threads sämtliche Vorstellungen davon, wie im Netz zu kommunizieren ist, irritieren wollen. Im realen Leben sind Trolle nicht selten empathiefähige Wesen mit einem recht eigentümlichen Humor. Oft intervenieren sie als ,advocati diaboli‘ in gängige Debatten und lenken damit ihren bisherigen Verlauf; viele trennen persönliche Meinung von geposteten Inhalten und schaffen damit eine metareflexive Distanz zum Gesagten. Gute Trolle können auch die Jolly Jokers in den ermüdenden Kommunikationslandschaften von in sich kreisenden Online-Communitys sein; im Idealfall stellen sie an entscheidender Stelle die ,richtigen‘ Fragen.

Searching for Fefes Fans

Infolge von Vergewaltigungsdrohungen, die im Blog des selbsternannten Nerds und Internet-Freaks Fefe im Zusammenhang mit einer Gender-Debatte geäußert worden waren, begann Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs und IT-Security-Aktivist, mit ersten empirischen Untersuchungen zum Troll-Verhalten. Er hat den Blog von Fefe unter dem Namen re:Fefe gespiegelt und ihn mit Kommentarfunktionen ausgestattet, um festzustellen, wie die Leser_innen von Fefe auf sexistische Threads reagieren. In seinem Beitrag bei der Berliner Blogger_innen-Konferenz re:publica präsentierte er 2013 einige Strategien im Umgang mit Hatern wie Fefe. Er empfiehlt, allzu schnell aufkommende Empörung zu vermeiden, da man dem Troll damit mehr Aufmerksamkeit verleihe, als diesem zustünde. Eher schon zwinge man ihn/sie in die Knie, indem man ihn/sie ignoriere. Es gehe darum, dem Troll nur soviel Seil zu geben, bis er/sie sich selbst daran erhängt. Verloren hat man jedoch, wenn man mehr Angriffsfläche bietet als nötig. Dies tut man, wenn man sich rechtfertigen muss – und damit den Troll-Kommentar ernster nimmt als gemeint.

Um unerwünschtes Trollverhalten im Vorfeld zu verhindern, schlug Neumann – nebst dem allseits beliebten Hellbanning, bei dem sich Trolle infolge von selektiven Kommentar-Anzeigen untereinander zerfleischen – auch eine technisch versiertere Lösung vor. So baute er auf re:Fefe ein Captcha ein. Dieses musste gelöst werden, nachdem der Beitrag verfasst wurde. Im Kommentar wurde nach Signalwörtern gesucht, die auf Trollverhalten schließen lassen; ebenso ließ sich anhand der Syntax seines Posts der jeweils gesuchte Troll identifizieren. Insbesondere als Foren-Moderator_in lohnt es sich, Zeit in das Schreiben eines selbstlernenden Algorithmus zu investieren. Der Quellcode zum Nachbau von Linus Neumanns Captcha-gesteuerter ,Trolldrossel‘ findet sich im Netz.1

Ratschläge für einen guten Troll

In Zeiten der zunehmenden Ununterscheidbarkeit von Fakt und Fake sind Troll-Kommentare oftmals nicht mehr von ernst gemeinten, politischen Propagandasprüchen abzugrenzen. Norbert Hofers jüngster Slogan „So wahr mir Gott helfe“ zählt ebenso dazu wie etwa der „Gib Gas“-Aufruf auf NPD-Plakaten. Im Wissen um das Verbotsgesetz ist man vorerst dazu geneigt, Slogans wie diese für Realsatiren von Covers der Titanic zu halten; kluge Trolle, die den Kurznachrichtendienst Twitter für sich entdeckt haben, arbeiten jedoch genau mit dieser Ambivalenz. So etwa bekundeten die Aktivist_innen hinter dem Twitter-Fake-Account Atomforum_eV kurz nach der Katastrophe von Fukushima ihre anhaltende Faszination von Kernenergie,2 als Politiker-Facebook-Fakes haben sie sogar die eine oder andere Wahlniederlage antizipiert. Auch dem Tiroler SPÖ-Politiker Ingo Mayr hätte es einiges an Ärger erspart, wenn er das Bundespräsidentschafts-Wahlergebnis auf Facebook nicht unter seinem Klarnamen kommentiert hätte. Wäre er ein guter Troll, dann hätte er seinen Kommentar dem dazugehörigen Politiker selbst in den Mund gelegt.3

Anmerkungen:

1 Video-Beitrag unter https://re-publica.com/en/13/session/refefe-erkenntnisse-empirischen-trollforschung (letzter Zugriff auf alle Links am 28.10.2016)

2 Im März 2011 bekannte sich die „Hedonistische Nukleare“ dazu, im Namen des deutschen Atom-Lobbyverbandes, twitternd unter @Atomforum, einen Satire-Account betrieben zu haben, siehe http://www.hedonist-international.org/?q=de/node/1065

3 Mayr hat den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer auf Facebook indirekt als ,Nazi‘ bezeichnet und musste sich dafür vor dem Innsbrucker Landesgericht verantworten. Der Prozess endete im Juli 2016 mit einem Freispruch für Mayr, siehe auch: derstandard.at/2000035766270/Tirols-SPOe-Chef-nennt-FPOe-Kandidat-Hofer-indirekt-Nazi