Sie sind hier

Das Biertrinken und die männliche Hegemonie

Autor_in: 
Elisabeth Hanzl und Sissi Luif

„,Hegemoniale Männlichkeit‘ ist kein starrer, über Zeit und Raum unveränderlicher Charakter. Es ist vielmehr jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt, eine Position allerdings, die jederzeit in Frage gestellt werden kann.“(1)

Ausgehend von einer theoretischen Auseinandersetzung mit der kritischen Männerforschung stellen wir uns die Frage, wie sich unterschiedliche Männlichkeiten in unserem eigenen politischen Umfeld manifestieren. Wir beziehen uns dabei auf Erfahrungen aus der Praxis in unterschiedlichen unipolitischen Gruppen, die sich selbst als links und antisexistisch verstehen. Vorab gilt es festzustellen, dass wir von einer, seit der Moderne existierenden, Trennung des Lebens in zwei Sphären, nämlich öffentlich und privat, ausgehen. Politische Gruppen zählen eher zum öffentlichen Bereich; um sie herum bildet sich allerdings in der Verschränkung der beiden Sphären ein informeller Graubereich zwischen dem öffentlichen Raum der Gruppe und dem Persönlichen, der hier zum Thema gemacht wird.

Theorie ...

Das Konzept „Hegemoniale Männlichkeit“ von Raewyn Connell bildet den ersten Teil unseres theoretischen Rahmens. Es bezeichnet das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Frauen und Männern, das die Dominanz der Männer und die Unterordnung der Frauen sichert, und stellt auch differenzierter das Verhältnis zwischen Männern dar. Geschlecht ist demnach eine sozial-konstruierte und relationale Kategorie: Der Status eines Mannes in der Gesellschaft konstruiert sich nicht nur in Abgrenzung zum „Weiblichen“, sondern auch durch das konkurrierende Verhältnis zu anderen Männern. Connell unterscheidet nicht-hegemoniale Männlichkeiten in unterdrückt (als untergeordnet und diskriminiert von einer hegemonialen Männlichkeit), marginalisiert (indem sie nicht wahrgenommen wird) und komplizenhaft (da alle Formen von Männlichkeit durch das Patriarchat zu Komplizen einer hegemonialen Männlichkeit werden). Dabei sind Männlichkeiten keine festen Charaktertypen einzelner Personen, sondern abstraktere Handlungsmuster. Connell bezieht sich dabei auf das Konzept der Hegemonie bei Gramsci: Die zu einer Zeit hegemoniale Männlichkeit ist kein starres Konstrukt, sondern verändert bzw. passt sich an. Hinzu kommt bei Connell noch die „patriarchale Dividende“, von der alle als Männer wahrgenommenen Personen, unabhängig von ihrer Männlichkeit, in der patriarchalen Gesellschaft profitieren.

Michael Meuser, der sich intensiv mit den Theo-rien von Connell auseinandersetzt, betont darüber hinaus die Bildung von „homosozialen Räumen“ für die kollektive Konstruktion von hegemonialer Männlichkeit. Die durch feministische Forderungen ausgelöste „Krise des Patriarchats“ äußert sich, so Meuser, in der Bedeutung von „Männerrunden“. Sie konstruieren Geschlechterdifferenz, reproduzieren den männlichen Habitus und unterstützen so die männliche Hegemonie.

Diesen beiden theoretischen Grundlagen wollen wir, bezogen auf unser eigenes politisches Umfeld, die These hinzufügen, dass unterschiedliche Männlichkeiten abhängig von den jeweiligen Gruppenzusammenhängen hegemonial wirken. Wir gehen davon aus, dass in unserem linken, subkulturellen Umfeld Männlichkeiten hegemonialen Charakter haben, die in der Gesamtgesellschaft eher marginalisiert oder unterdrückt werden. Auch stellen wir fest, dass sich insbesondere im informellen Bereich männlich-homosoziale Räume formieren, ohne jedoch als solche wahrgenommen zu werden.

Praxis ...

Wagen wir einen Sprung ins kalte Wasser: Wir sind aktiv in antisexistischen Gruppen und doch bemerken wir innerhalb dieser Gruppen einen bestehenden Mangel an Reflexion betreffend inhärenter struktureller Sexismen. Zwar wird nach außen hin berechtigt heftig Kritik am Patriarchat geübt, innerhalb der Gruppen werden jedoch in veränderter Form Strukturen, die Männer bevorteilen, reproduziert. Als ein Beispiel kann das Plenum herhalten, das Entscheidungsgremium vieler linker Gruppen. Während des Plenums halten sich alle an gewisse formale Verhaltensregeln, die eine antihierarchische und antisexistische Entscheidungsfindung garantieren sollen und dies bis zu einem gewissen Grad auch tun. Doch nach dem Plenum geht oft noch ein Teil der Gruppe gemeinsam Biertrinken. Im Vergleich zum Plenum ist das Geschlechterverhältnis, auch abhängig von der Uhrzeit, immer mehr männlich dominiert. Problematisch daran ist nicht das Biertrinken an sich, sondern dass sich ein nahezu homosozialer Raum bildet, der sehr stark meinungsbildend wirkt und Männlichkeiten reproduziert. Es wird gemeinsam gewuzzelt (2), getrunken und herumtheoretisiert; nebenbei werden auch Themen angesprochen, die die gemeinsame politische Arbeit betreffen.
Natürlich ist in linken Gruppen die Hinterfragung des sozialen Geschlechts im Vergleich mit dem gesamtgesellschaftlichen Status Quo recht hoch – doch sollte nicht eigentlich eine radikale Kritik des Patriarchats über so ein relationales Verhältnis zur Gesamtgesellschaft hinausgehen?
Nun stellt sich die Frage, wodurch das Fortbestehen von strukturellem Sexismus innerhalb der linken Gruppen eigentlich gesichert wird. Eine Überlegung ist, dass eine Selbstdefinition in Abgrenzung zum „sexistischen Anderen“ – also der patriarchalen Gesamtgesellschaft und ihren Männerbünden – viel einfacher ist als die Hinterfragung des eigenen Verhaltens von Männern und Frauen* und leider oft genau davor Halt macht. Männer in linken Gruppen praktizieren zumeist keine hegemoniale Männlichkeit im gesamtgesellschaftlichen Sinn (Mackertum, Homophobie, Sexismus etc.), aber deren nach außen hin komplizenhafte oder marginalisierte Männlichkeit wirkt innerhalb der Gruppe hegemonial. Frauen* können darin auch eine hegemoniale Rolle einnehmen, insbesondere, indem sie sich ein männlich-hegemoniales Verhalten aneignen – wir betrachten diese Raumnahme als berechtigt, fordern darüber hinaus aber eine Hinterfragung der sie bedingenden Strukturen.

… und Notwendigkeit

Die notwendige Konsequenz aus der Tatsache, dass informelle Räume zentral für die Reproduktion von Männlichkeit sind, kann nicht deren bloße Abschaffung sein. Gerade im politischen Aktivismus passiert viel an Vernetzung, persönlichem Austausch und Motivation im informellen Bereich. Die dadurch hervorgebrachten Hierarchien, Verhältnisse und Strukturen müssen aber konsequent hinterfragt und abgeschafft werden. Dazu fordern wir eine Ausweitung des Antisexismusbegriffs in der Praxis: Antisexismusarbeit soll radikal am eigenen Verhalten ansetzen und darf nicht erst anlassbezogen zum Thema werden. Das Bewusstsein, wie sich auch innerhalb der eigenen Zusammenhänge hegemoniale Männlichkeit konstruiert, ist schließlich der erste Schritt zur Dekonstruktion – und würde eine tatsächlich radikale Patriarchatskritik ermöglichen.

Anmerkungen:
1 Connell 2006, S. 97
2 Tischfußballspielen
R.W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. VS Verlag. Wiesbaden 2006 (3. Auflage).
Michael Meuser: Männerwelten. Zur kollektiven Konstruktion hegemonialer Männlichkeit. In: Doris Jahnsen, Michael Meuser (Hg.innen): Schriften des Essener Kollegs für Geschlechterforschung. Jg 2001, Heft II.
Die Readerin zum Lesekreis, aus dem dieser Artikel hervorging, ist auf Anfrage bei der FV GEWI (fv-gewi@univie.ac.at) erhältlich!