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Stellungnahme zur Änderung der Universitätsberechtigungsverordnung

BiPol

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien nimmt hiermit Stellung zum Entwurf der Änderung der Universitätsberechtigungsverordnung (UBVO).

Die Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien erkennt die Notwendigkeit der Veränderung der UBVO durch die Umstrukturierung der Lehramtsstudien im Verbund an. Im Rahmen dieser fordern wir eine kritische Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit der Lateinergänzungsprüfung, die längst überfällig ist.

In dieser Stellungnahme beziehen wir uns nicht nur auf die 14 Lehramtsstudien der Universität Wien, sondern auch auf  25 Studiengänge der Universität Wien, sowie alle Studiengänge anderer Universitäten in Österreich, für die ein Lateinnachweis bzw. die Latein-Ergänzungsprüfung für einen Studienabschluss vorausgesetzt wird.  

 

Notwendigkeit von Latein im Studium

Durch die derzeitige Regelung zur Lateinergänzungsprüfung sind weder der Nutzen, noch die Notwendigkeit von Lateinkenntnissen für die Absolvierung von ausgewählten Studiengängen ersichtlich. An der Universität Wien muss die Zusatzprüfung lediglich vor der letzten Prüfung des Studiums (oder des Abschnitts) abgeschlossen werden. Die meisten Studierenden schließen die Lateinergänzungsprüfung allerdings erst gegen Ende ihres Studiums ab, weshalb die erlernten Inhalte in der Regel überhaupt nicht mehr im Studium angewendet werden können. Schon deshalb ist der Sinn einer solchen Prüfung für uns fragwürdig.

Die erforderlichen Lateinkenntnisse sind zudem nicht ausreichend, um mit historischen Texten arbeiten zu können, falls dies im Studium überhaupt vorgesehen ist. Auch Begriffe, welche für das Studium relevant sind, werden im Laufe des Studiums erlernt. Daher ist der Anwendungsbereich der für die Lateinergänzungsprüfung erlernten Inhalte gering bis nicht existent.

Der zusätzliche Aufwand, der durch die vorausgesetzte Ergänzungsprüfung entsteht, ist für viele Studierende aber neben einem Regelstudium – und für viele auch neben Berufstätigkeit – kaum zu bewältigen. Für einige Studierende kommt es durch das Erfordernis der Lateinergänzungsprüfung zu Studienzeitverzögerungen. Zudem haben sich bereits Studierende zur Beratung an die Hochschüler_innenschaft der Universität Wien gewandt die aufgrund der erforderlichen Lateinergänzungsprüfung in Erwägung gezogen haben ihr Studium zu wechseln oder gar abzubrechen.  Logischerweise ergeben sich dadurch negative Auswirkungen auf Abschlussquoten.

Wenn Lateinkenntnisse dazu dienen sollen analytisches Sprachverständnis, literaturwissenschaftliche Grundlagen, etymologisches Verständnis und/oder die Arbeit mit historischen Originaltexten voranzutreiben, fordern wir, dass Lateinprüfungen nur noch fachspezifisch abgehalten werden. Es ist uns völlig unbegreiflich weshalb Studierende der Ägyptologie, Pharmazie, Musikwissenschaft, Geschichte oder diverser philologischer Studiengänge allesamt die gleichen Lateinkenntnisse benötigen sollten. Dies ist an der Juridischen Fakultät der Universität Wien bereits an die fachspezifisch relevanten Kenntnisse angepasst worden.

Wir fordern daher, dass entweder jedes Institut bzw. jede Studienrichtung eine Lehrveranstaltung anbietet, in der die für ihr Studium relevanten Lateinkenntnisse vermittelt werden oder fachspezifische Lehrveranstaltungen vom Institut für Klassische Philologie angeboten werden. Zudem fordern wir eine Anerkennung des Zeitaufwands der Lateinergänzungsprüfung durch ECTS-Punkte durch eine Verankerung im Curriculum oder im Rahmen von freien Wahlfächern.

 

Vorbereitung auf die Lateinprüfung

Die von der Universität Wien derzeit angebotenen Vorlesungen der Klassischen Philologie zur Vorbereitung auf die Lateinergänzungsprüfung erstrecken sich über zwei Semester und finden drei Mal wöchentlich statt. Sie stellen somit einen immensen, für viele unrealistischen, zusätzlichen zeitlichen Aufwand dar. Auch die Nachhaltigkeit der als Massenvorlesungen angebotenen Veranstaltung ist zweifelhaft.

Viele Studierende, die es sich leisten können, besuchen stattdessen von Privatinstituten angebotene kostenpflichtige Kurse, um sich innerhalb eines Semesters auf die Prüfung vorzubereiten. Diesen Weg können sich aber nicht alle Studierenden leisten und müssen sich eine oftmals völlig neue Fremdsprache in Eigenstudium selbst aneignen. Dies wirkt sich negativ auf die soziale Durchlässigkeit aus, weil, wie oben beschrieben, die Lateinprüfung für zahlreiche Studierende eine Hürde bedeutet, die sie oftmals dazu bringt, ihr Studium abzubrechen.

Die Voraussetzung von Lateinkenntnissen hat demnach auch eine soziale Komponente. Die Wahrscheinlichkeit ein humanistisches Gymnasium besucht zu haben trifft auf Studierenden aus einem Akademiker_innen Haushalt zu einem höheren Ausmaß zu. Selbst das Erwerben von Lateinkenntnissen in der Schule ist kein Garant dafür, dass dieses Wissen im Studium noch abgerufen bzw. angewendet werden kann. Für Studierende aber, die über einen anderen, nicht-traditionellen Weg, Zugang zum Studium erlangt haben, entsteht durch Ergänzungsprüfungen eine zusätzliche Hürde. Auch Studierenden, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, wird der positive Studienabschluss durch Ergänzungsprüfungen massiv erschwert, da sie in einer Zweitsprache eine dritte Sprache mit komplexen grammatikalische Strukturen erlernen müssen. Dies stellt selbst für Menschen mit Deutsch als Erstsprache häufig eine Herausforderung dar. Insbesondere für Studierende aus Sprachräumen, in denen romanische Sprachen nicht Teil der Schuldbildung sind, wird somit der Studienabschluss erschwert.

Im Sinne eines fortschrittlichen und zukunftsorientierten Bildungssystems, drängen wir stärkstens darauf zu überdenken, ob an solch sozial unverträglichen und rückständigen Traditionen festgehalten werden soll. Auch andere Universitäten in Europa haben sich längst von dieser absurden Art der Vergewisserung von Bildungsstandards verabschiedet.

Die Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien bezieht hiermit klar Stellung gegen eine veraltete Praxis die uns Studierenden Zeit, Geld und Energie kostet.

 

Für echten Fortschritt und Zukunftsorientierung!

                                                                                                                      Stellungnahme als pdf