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Vollständige Rede beim Festauftakt zu den 650 Jahre Jubiläumsveranstaltungen

Vollständige Rede vom 12.März 2015 beim Festauftakt zu den 650 Jahre Jubiläumsveranstaltungen 

 
 

"Die Geschichte der Universität Wien ist wenn, eine taumelnde Fortschrittsgeschichte - sie ist mit Sicherheit noch keine Erfolgsgeschichte." - Cami

 
Liebe Anwesende
Liebe alle vor den Livestreams.
 
Die Universität Wien feiert Geburtstag, und das schon zum 650. Mal. Ein Jubiläumsjahr in dessen Rahmen nicht nur an Vergangenes erinnert und die Rolle der Universität im historischen Kontext thematisiert werden soll, sondern auch über aktuelle Zustände gesprochen werden muss.
 
1365 gründet sich die Uni Wien als das Produkt eines ehrgeizigen Herzogs. In den ersten Jahren bis 1400 studierten etwa 3600 Studierende an der Universität. 650 Jahre später beschäftigt dieselbe Institution etwa 6700 wissenschaftliche Mitarbeiter_innen, mehr als 92.000 Studierende zählen die Statistiken.Hinter diesen Zahlen steht die Geschichte einer restriktiven Universität, zu der lange allein männliche Angehörigen der herrschenden Klasse Zugang fanden. Eine geschlossene Institution der Eliten, die ihre Pforten erst 1897 der ersten Frau öffnete.
 
Eine Institution in der schon vor der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus deutschnationale Burschenschafter organisiert waren, die dann an vorderster Front standen, als Menschen auf Grund sogenannter rassischer Gründe oder auf Grund ihrer politischen Einstellung aus der Universität vertrieben wurden. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde ein Prozess der tatsächlichen Öffnung der Universität vorangetrieben – Frauen erhielten 1945 endlich Zugang zu allen Fakultäten.
 
Es sollten allerdings erst die Schulreformen der 1970er Jahre unter Hertha Firnberg sein, die  breiteren Teilen der Gesellschaft ermöglichten die Schule mit Matura abzuschließen, so fanden nun auch Angehörige der Arbeiter_innenklasse ihren Weg in die Universität. 
 
Diese Öffnung der Universität war das Ergebnis eines jahrelangen Kampfes. Die Schwarz – Blaue Regierung machte dies binnen Monaten rückgängig: als ÖVP und FPÖ im Jahr 2001 Studiengebühren einführten, wurden 19,7% oder 45 000 Studentinnen und Studenten dazu gezwungen ihr Studium zu beenden. Die Zahl der Studienbeginner_innen sank um 14%.
 
„Open since 1365“ hing prominent am Hauptgebäude, doch die Öffnung der Universität ist keine Fortschrittsgeschichte.
 
2002 löste das Universitätsgesetz das Universitäts-Organisationsgesetz 1978 ab. Mit ihm kam das Bachelor – Master System, das die Diplomstudien – im Sinne einer Internationalisierung – ablöste. Vergleichbarer sollten die Abschlüsse Europas werden.
Heute - 2015 - zeigt sich das tatsächliche Ziel der Reformen von Bologna klarer denn je. Universitätsabschlüsse sollen am laufenden Band produziert werden. So schnell wie möglich. So billig wie möglich. Diese Effizienzsteigerung, die auch das Ministerium immer wieder fordert, kam. Sie kam vor allem auf Kosten der Studierenden.Eine Verschulung der Lehrpläne, Vorraussetzungsketten, Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren waren die Folge, deren Auswirkungen wir Studierende tagtäglich zu spüren bekommen.
 
Mit dem UG 02 fand die von Hertha Firnberg eingeführte Drittelparitätische Besetzung der Universitätsgremien – also die Demokratisierung der inneruniversitären Prozesse - ein jähes Ende. Die gesetzliche Minimalanforderung wird von der Uni Wien als Maximalforderung ausgelegt - studentische Mitbestimmung scheint schlicht nicht gewünscht. Die Geschichte der Universität Wien erweist sich auch in Hinblick auf studentische Mitbestimmung ganz und gar nicht als Erfolgsgeschichte.
 
Frauen, Migrant_innen, Menschen mit Behinderung, Homo-, Trans oder Intersexuelle Personen - für sie stellt die Universität auch heute, 650 Jahre nach der Gründung alles andere als eine Institution, die Chancengerechtigkeit bietet, dar.
Die Gläserne Decke ist Realität: obwohl bereits 65% der Studierenden im Bachelor Frauen sind, gibt es doch nur 25,2% Professorinnen. Es gibt zwar ein Bekenntnis zu Frauenförderung, aber in der Philosophie wurde die feministische Professur nicht nachbesetzt, und auch die Nachbesetzung der Professur von Eva Kreisky, der Pionierin der feministischen Politikwissenschaft, ist ungewiss. Die Genderprofessur, die letzte Woche ausgelaufen ist, wurde nur als Verhandlungsgegenstand mit dem Bundesministerium in den Entwicklungsplan aufgenommen. Die Mittel für Frauenförderung stehen nach wie vor auf wackeligen Füßen. 
 
Wenngleich sich die Universität Wien als DIE internationale Hochschule stilisieren möchte, so gelten doch für sogenannte Drittstaatsangehörige verschärfte Zugangsregelungen. Zusätzlich müssen sie doppelte Studiengebühren zahlen.
Wo bleibt sie, die Erfolgsgeschichte einer Universität frei von Diskriminierung?
 
Wenn wir also sagen, dass es keinen Grund zu feiern gibt, dann meinen wir eben jene aktuellen Zustände, die uns daran hindern. Die Universität hätte dieses Jubiläum dazu nutzen können, ihren elitären, ausschließenden Charakter zu reflektieren und Maßnahmen zu setzen, die diesem Umstand entgegen wirken. Sie könnte stärker dafür eintreten, die Mittel zu bekommen, die sie benötigt um dies zu tun. Das ist zu Lasten einer Imagekampagne nicht passiert.
Ich als Studentin, wir als ÖH Uni Wien sind gern an der Uni, wir wollen studieren - aber wir wissen, dass dies für viele ein Privileg ist. Und wir wissen, dass unter den genannten Umständen Studieren nur ECTS-Punkte-Jagd, Leistungsdruck und Aufsaugen vorgefertiger Inhalte ist.
 
Die Geschichte der Universität Wien ist wenn, eine taumelnde Fortschrittsgeschichte - sie ist mit Sicherheit noch keine Erfolgsgeschichte.
Sie ist eine Geschichte von Kämpfen, Kämpfen für die Öffnung, den Zugang und die Vorherrschaft in der Universität. Diese Kämpfe haben ihre Opfer gefordert, sie sind zeitintensiv und unter dem herrschenden Leistungsdruck für uns Studierende oftmals schwer zu bestreiten. Doch am Ende dieser 650 jährigen Geschichte sollten wir es sein, die vorgeben, was die Universität Wien in Zukunft sein wird. 
 
Ich und die Hochschüler_innenschaft an der Universität Wien mit mir, fordern eine  Universität, die wirklich all jenen offen steht, die sie besuchen wollen. Das politische Bekenntnis zur Ausfinanzierung der Universitäten, statt vorgeschobener Zweckrationalität.  Die Universität als Ort, wo Studierenden und ihren Interessen und Begabungen Platz gegeben wird und diese gefördert werden.
 
Wir fordern eine Universität, die Begegnungen auf Augenhöhe ermöglicht und Raum und Zeit bietet für Diskussionen. Eine Universität, in der Forschung unabhängig von Drittmitteln ist. Eine Universität, die aktiv gegen die Diskriminierung auf Grund von Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung, rechtlichem Aufenthaltsstatus, finanziellem Hintergrund oder Bildungsstand der Eltern auftritt. Und dies auch öffentlich kundtut.
Heute, 650 Jahre nach der Gründung der Universität haben wir noch keinen Grund zu feiern. Für uns steht fest, wir werden den Kampf für eine offene Hochschule, die allen dieselben Möglichkeiten bietet weiter führen. Damit auch wir beim nächsten Jubiläum einen Grund zu feiern haben.
 
- Camila Garfias, Vorsitzteam der ÖH Uni Wien am 12.März 2015 beim Festauftakt zu den 650 Jahre Jubiläumsveranstaltungen  #Fail650